Kyrinyaga - wo es Strauße gibt

Erinnerungen an Ostafrika

Aus dem Alltag eines Europäers in Kenia, den Erlebnissen bei der Organisation des alltäglichen Lebens in der Hauptstadt Nairobi, erzählt der folgende Beitrag. Doch auch Begegnungen und Beobachtungen auf Reisen durch die faszinierenden Landschaften Kenias und seine ostafrikanischen Nachbarstaaten gehören zur Themenpalette.

Die Schilderungen reichen von den Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche, über das Sicherheitsproblem in einer der gefährlichsten Hauptstädte der Welt, bis zu einer Zahnbehandlung mit Hindernissen. Auch von einer Hexenstunde mit dem "witch-doctor" wird erzählt und davon, womit man bei einer Fahrt mit dem Matatu-Bus rechnen muß.

Jörg Miszewski lebte von 1993 bis 1996 in Nairobi. Eine Künstlerbuch-Edition mit Originaldruckgrafik in limitierter Auflage mit dem Titel "Kirinyaga - Erinnerungen an Ostafrika" erschien zur Frankfurter Buchmesse 1998.

Der folgende Text stammt aus dem Vortrag "Alltag eines Europäers in Kenia" / Südwestfälische Industrie- und Handelskammer, SIHK Hagen 1998

1. Einleitung

Dunkel lockende Welt?

Kirinyaga ist ein Wort aus der Sprache der Kikuyu, der größten kenianischen Volksgruppe. Es bedeutet soviel wie: Das Land, wo es Strauße gibt. Zugleich ist Kirinyaga der Name des Gottes, der die Kikuyu schuf und der auf dem Mount Kenia in den Central Highlands zu Hause ist. Er lebt dort recht friedfertig und beschaulich, ohne sich allzu sehr in die Belange seiner Menschen einzumischen. Erst wenn die Ahnen sich beschweren über zuviel Willfährigkeit und mangelnden Respekt der Lebenden, schickt er eine Dürre ins Land zur Strafe, oder eine Flut.

Zeke Waweru, ein Kikuyu, der mir diese Geschichte erzählt, ist Dozent der School of Journalism, einer Fakultät der University of Nairobi. Er gehört zu den welterfahrenen Großstadtkenianern, er hat in Amerika und Großbritannien studiert. Den Aufstieg auf den Berg Kirinyagas, den Mount Kenya, hat Zeke Waweru bisher allerdings vermieden. Seine Begründung, begleitet von einem verschmitzten, sympathischen Lächeln: Er wird schon irgendwann - und dann immer noch früh genug - seinem Gott die Hand schütteln...

Ostafrika zwischen Moderne und Tradition. Kenia - ein Land der Widersprüche? Ich wende mich im Folgenden einem etwas modifizierten Thema zu: Alltag eines Europäers in einem Land der Widersprüche, in eben diesem Kenia. Alltag in einer dunkel lockenden Welt?

Stolze Askaris und ein singender Koch

Wir hatten zwar keine Farm, aber wir hatten ein Haus in Afrika. In der Nähe der Ngong Berge. Es liegt im grünen Tal des Nairobi River in den Westlands, keine zehn Autominuten von Downtown Nairobi entfernt.

Ich erinnere mich an die Menschen, die uns in diesem Haus begegnet sind in den Jahren von 1993 bis 1996. Journalisten, Geschäftsleute, Handwerker und andere Besucher. Gäste aus Europa und vor allem liebe Freunde.


Margret Mbugua, unsere housemaid mit ihrer Tochter vor den Servants Quarters (Foto: Privat)

Ich erinnere mich an unsere kenianischen Hausangestellten, die auf unserem Grundstück lebten, in den sogenannten Servants Quarters am küchenseitigen Hausbereich. Unser dichtender Koch Samuel, der als eine Art Sekretär seiner christlichen Gemeinde selbstkomponierte Kirchengesänge in Kisuahili verfaßte und sie mit derartiger Inbrunst und Lautstärke einstudierte, dass unsere indischen Nachbarn sich zuerst erschraken und danach beschwerten.

Mit Margret, unserer housemaid, erlebten wir hier den mutmaßlichen Einsatz eines 'witch-doctors', gewissermaßen eine kleine Hexenstunde.

Da sind auch Joseph, vom Stamme der Luo und William vom Volk der Kisii am Viktoriasee, die sich vor einigen Jahren als Guards, als Wächter bei der Firma Securicor in Nairobi verdingten. Nun sind sie bei uns, als unsere Askaris in ihren blau-roten Uniformen. Sie blicken stolz unter ihrer Schirmmütze hervor und tragen ihre rungus, das sind stahlharte Holzknüppel, um uns und unser Haus rund um die Uhr zu beschützen. Auch von ihnen wird noch die Rede sein.


Unser Securicor-Wachmann Joseph im Innenhof unseres Hauses (Foto: Privat)

Auch erinnere ich mich genau an das Lachen des vielleicht zehn Jahre alten Straßenjungen vom Uhuru Highway, der Straße der Unabhängigkeit. Auf Krücken kopeistert er zwischen den Autos umher, die in vier, manchmal fünf Reihen ungeduldig im Stau warten. Er bettelt um ein paar Shilling. Seine fröhlichen Augen, sein immer freundliches Gesicht, seine bescheidene Haltung, wenn er den Stumpf seines rechten Beines auf seinem Krückstock abstützt. Bald grüßt er mich und winkt meinem Toyota im Strom der Autokolonne nach.

Öffentliches Leben

Ich erinnere die vielen Begegnungen und Erlebnisse auf unseren Reisen durch die verschiedenen Länder Ostafrikas.

Die fünfköpfige Familie in Antananarivo auf Madagaskar, deren normaler Familienalltag sich unter freiem Himmel abspielt, unter dem sie nächtigen, mitten in der Hauptstadt des Landes, in der sie leben, in der etwas abseitigen Ecke eines öffentlichen Platzes, die ihr ganzes zuhause, ihr ganzes Privates ist.

Ich erinnere mich auch an die Einladung zum Dinner in das Haus eines damaligen Ministers des benachbarten aufstrebenden Inselstaates Mauritius. Sein Fahrer holt uns im Hotel ab mit einer nagelneuen deutschen Luxuslimousine. Er rast mit uns durch die engen Gassen der Inselhauptstadt, so dass alles was Beine hat oder Räder, oder was nur irgendwie beweglich ist, beiseite springt, rollt, fällt, klappt und spritzt. Und ich hoffe in diesem Rausch der Geschwindigkeit nur, dass wir irgendwann irgendwo, egal wo, jedenfalls irgendwie endlich ankommen.

In der Wüste ist Sand

Da sind auch die Erinnerungen an unsere Reisen nach Uganda im Westen und zum südlichen Nachbarn Kenias. Zum Beispiel der Aufenthalt im Haus unseres Freundes Gerhard in Tanzania. Gerhard ist seit fast zwanzig Jahren in verschiedenen Ländern Afrikas im Entwicklungsdienst unterwegs. Gerhard hat die Quintessenz dieser Erfahrungen in einem selbstkreierten Spruch zusammengefaßt, er lautet: In der Wüste ist Sand.

Was immer das bedeuten mag - das Haus von Gerhard jedenfalls liegt am Palmenstrand in einer traumhaften Bucht, mit Blick auf das etwa acht Kilometer Luftlinie entfernte Zentrum von Daressalam. Dort drüben hat Gerhard sein Büro. Hier ist sein Haus, und so kommt es angesichts der Verkehrsverhältnisse des öfteren vor, dass Gerhard den schnelleren Weg zu seinem Arbeitsplatz wählt, nämlich per Surfbrett über den indischen Ozean. Arbeitstalltag eines Europäers in Afrika, wie gesagt - in der Wüste ist Sand.

Und dann das Reisen selbst: Zum Beispiel ein Flug mit Ethiopian Airlines von Addis nach Abidjan via Nairobi. Die Maschine ist völlig zugestopft mit Menschen, mit Kisten, Säcken und anderen Gepäckstücken. Auf dem Flug in zehntausend Metern Höhe bittet die Stewardess die Passagiere auf den Gängen mit absoluter Höflichkeit, sie möchten doch bitte ihre Zigarettenkippen nicht mehr auf dem Fußboden austreten, und reicht eine Tasse als Aschenbecherersatz. Oder der Rückflug von Daressalam mit Tanzania Airways, bei dem der Beifall der Fluggäste aufbrandet, weil der Kapitän der Uralt-Boeing sich über den Kabinenlautsprecher bei dem Passagier bedankt, der Sekunden vor dem Start entdeckt hat, daß eine der Tankklappen noch nicht geschlossen war.

Alltag als Methode - vielleicht ein bißchen Heimat?

Ich habe bis jetzt nur ein paar Erinnerungen geschildert, querbeet aus Ostafrika. Alltag eines Euopäers in Afrika - ich möchte fast behaupten, den gibt es so nicht. Zwar kommt auch in Nairobi der Strom gewissermaßen aus der Steckdose. Die Alltagseinkäufe führen in den Uchumi Supermarket, oder in den Health Shop, eine Art Reformhaus. Geschäfte und Läden, die in einem der zahlreichen Shopping Centres zu finden sind.

Doch schon beim wöchentlichen Gang auf den Local Market, zum Kauf von Obst und Gemüse, bietet sich ein immer wieder neues exotisches Bild: Die Menschen, die sich zur Mittagszeit an den dampfenden Garküchen des Marktes einfinden, um eine Portion Ugali und Stew zu sich zu nehmen, einen Maisbrei, der mit einer Art Goulasch verzehrt wird. Die Jua-kali-workers, Handwerker, die unter freiem Himmel etwa aus alten Autoreifen oder Blechfässern alles Mögliche herstellen und zum Verkauf anbieten. Oder der Zigarettenverkäufer, der in seinem winzigen Büdchen hockt und die Zigaretten der Marke 'Sportsmen' zu zwei Shilling das Stück anbietet.

Wo liest man schon in der Zeitung über die Bildung einer Elterninitiative, weil Kinder auf ihrem Schulweg regelmäßig von Elefanten bedroht werden. Und wo kann man fünfzehn Minuten von zuhause entfernt bereits echte Safarigefühle entwickeln, wenn man an die freilebenden Giraffen, Löwen oder Nashörner im Nairobi National Park denkt.

Sei es die Gestaltung eines Arbeitsbereiches oder sei es die Organisation des täglichen Lebens und seiner Erfordernisse. Vieles bleibt so anders, so unbekannt und faszinierend, skurril und oft so erschütternd zugleich. Alltag wird für viele Ausländer, also auch für uns Deutsche in Nairobi, gelegentlich zum Instrument. Eine Methode, um mit diesen Eindrücken, Herausforderungen und auch mit den Bedrohungen fertig zu werden, die der längere Aufenthalt in Schwarzafrika mit sich bringen kann. Alltag als Wunschvorstellung, für die einen ein bißchen Halt, für manche vielleicht ein bißchen Heimat? Ich möchte im Folgenden von einigen Begegnungen und Erlebnissen erzählen, die dieser Alltag mit sich bringt.

 
Wenn Sie mit auf Safari nach Tsavo-West gehen wollen, dann folgen Sie mir bitte in Kapitel 2.

2. Auf Safari in menschenleeren Weiten

Verlorene Wege in Tsavo-West

Ich habe von Faszination gesprochen und auch von Bedrohungen, von Herausforderungen. Also doch: Abenteuer Afrika? Bei einer Safari im Nairobi-Nationalpark hält sich dieses Abenteuer gewiß in Grenzen, wenn man sich als erstes davon überzeugt, dass nicht ausgerechnet im Gebüsch hinter Ihrer Picknick-Site eine hungrige Löwenbande herumlungert. Auch müssen Sie hier bei einer Autopanne nicht tagelang auf Suchflugzeuge warten.


Eine Giraffenherde im Nairobi National Park (Foto: Privat)

Doch was ist in den dünnbesiedelten Gebieten auf dem Land, in den menschenleeren Weiten der Savanne? Ich möchte dazu von einer Expedition, von einer Safari in den afrikanischen Busch erzählen.

Stellen Sie sich einfach vor, Sie fahren mit einem Geländewagen seit Stunden über Vulkangestein, durch vertrocknete Flußläufe und Dornengestrüpp in einer weiten staubigen Landschaft. In aller Frühe haben Sie Nairobi auf der Mombasa Road in Richtung Süden verlassen. Mtito Andei, wo Sie nach Südwesten zur tanzanischen Grenze abgebogen sind, liegt als letzte bewohnte Ortschaft schon Stunden zurück. Fast hundert mühsame Kilometer, zum Teil in Schritttempo durch menschenleere Wildnis. Ständige Zweifel über den Verlauf der Piste, deren Spur sich immer wieder in Sandverwehungen verliert.

Die Karte liegt schon längst beiseite, einige der in ihr verzeichneten Straßen existieren hier in Tsavo-West nicht mehr. Als Orientierung dienen die Chyula-Berge im Norden und die sich immer schneller dem Horizont neigende Sonne.

Die Nacht gehört den Tieren der Wildnis

Den ganzen Tag über sind Sie begleitet von den mißtrauischen Blicken der wilden Tiere. Wie in Zeitlupe flüchten turmhohe Giraffen mit majestätischen Bewegungen vor den Motorgeräuschen.

In der flimmernden Hitze weidet eine Herde von vielleicht vierzig, fünfzig Elefanten. Einige fühlen sich gestört, so dass Sie die Herde nur sehr vorsichtig passieren. Büffel stehen wie schwarze Tupfer in der Ebene unter dem Horizont. Raubkatzen haben Sie nicht gesehen, nur ein paar Hyänen. Aber sie sind da, man kann sie heraushören mit ihrem Gebrüll, jetzt im Klangteppich der nahenden afrikanischen Dunkelheit. Die Nacht gehört den Tieren der Wildnis.

Die Entscheidung ist gefallen: Man übernachtet an den Hippo-Pools, einer Staufolge von fünf natürlichen Wasserbecken direkt an der Grenze nach Tanzania. Sie sind von Krokodilen und Dutzenden von Flußpferden bevölkert. Das Hippopotamus ist das gefährlichste Tier Afrikas, ihm fallen jährlich mehr Menschen zum Opfer als den Löwen oder Elefanten, so wird erzählt.

Nach der Dämmerung verlassen die Tiere ihre Gewässer zur Nahrungsaufnahme in der Kühle der Nacht. Nur wenige Meter von Ihrem Nachtlager und dem Ihrer Begleiter entfernt, getrennt nur durch dünnes Zeltleinen, hören Sie das Grasrupfen der Kolosse. Doch immerhin, es heißt beruhigend, es sei noch nie einem Flußpferd gelungen, den Reißverschluß eines Safari-Zeltes zu öffnen. Außerdem bewachen erfahrene Askaris Ihr Lager. Mit Pfeil und Bogen bewaffnet, sollen die kenianischen Wächter Sie auch vor tanzanischen Gangsterbanden beschützen, die hier im Niemandsland des Grenzgebietes ihr Unwesen treiben.

Plötzlich und unerwartet: Schritte in der Finsternis

Doch bevor Sie sich zur Nachtruhe zurückziehen, serviert man Ihnen den obligatorischen Sundowner mit Blick auf die wilden Tiere am Wasser. Bei Gin-Tonic oder einem Glas Whiskey verlieren sich die Gedanken an die Strapazen der Safari durch diese unwirtliche Landschaft. Das Busch-Dinner ist angerichtet auf kostbarem Porzellan und Tafelsilber. Der Wein wird kredenzt in Gläsern aus schwerem Bleikristall und aus der Dunkelheit, so scheint es jetzt, weht der Wind ein paar Takte klassischer Musik herüber, Mozartklänge wie aus einem alten Grammophon.

Plötzlich und unerwartet: Schritte in der Finsternis. Nur mühsam entziffern Sie gegen den Nachthimmel menschliche Konturen, aus denen nur das Weiß der Augen herausleuchtet. Bedrohlich nähert sich ein unbekanntes schwarzes Gesicht. Die Nerven sind bis zum Zerreißen gespannt. Wo, zum Teufel stecken die Askaris? Dann geht alles ganz schnell: Zielsicher bewegt sich die Hand des Unbekannten, sie zielt auf Ihren Körper. Eine tiefe Stimme schallt aus der Nacht: "Jambo and Good Evening, Sir!" Die geheimnisvolle Hand präsentiert den Kassenzettel, auf dem man die Drinks des Abends quittieren muß.

Es gibt sie noch, die Gefahren des Buschlandes in Afrika, zumindest mit ein bißchen Phantasie im Urlaubsalltag eines Europäers in Kenia. Doch die Requisiten dieser Geschichte und die Landschaftsbeschreibungen sind echt. Im "Finch-Hattons", einem der landschaftlich schönsten Zeltcamps Kenias, hat sich eine deutsche Gastronomen-Familie ihren Traum und den ihrer Gäste erfüllt.

Weder Gitter, Gräben noch Elektrozäune trennen die Besucher von der Wildnis des Tsavo-Parks. Die bequemere Art der Anreise von Nairobi per Klein-Flugzeug dauert vielleicht eineinhalb Stunden. Und wenn man angesichts des beschriebenen Luxus in dieser Wildnis von Dekadenz sprechen will, so mag man das tun, das mag auch richtig sein, sicherlich genauso richtig, wie die Einmaligkeit, afrikanische Natur und die Atmosphäre dieses Ortes solcherart zu erleben und zu genießen.


Auf Safari im Amboseli National Park (Foto: Klaus Maliga)

 
Nairobi - Im Dschungel der Großstadt: Über das letzte große Abenteuer Afrikas und mehr erfahren Sie in Kapitel 3.

3. Nairobi - Im Dschungel der Großstadt

Lebensgefährliche Geiselnahme: Car-Jacking

Doch zurück zu den wahren Abenteuern, zurück nach Nairobi. Hier bietet sich das hektische Bild einer Millionenstadt, vor der man am Wochenende gerne upcountry flieht, zur Safari auf's Land. Oder man begibt sich nach britischen Vorbild in die Sport- oder Gesellschafts-Clubs - wenn man's mag.

Die kenianische Hauptstadt mit ihren etwa zweieinhalb Millionen Einwohnern gilt laut Kriminalstatistik als eine der gefährlichsten Städte der Welt. Diese Einschätzung erfahren wir bereits bei der Vorbereitung der Ausreise. Die Bewältigung des Sicherheitsproblems in Ostafrika wird notwendigerweise unser ständiger Begleiter sein.

'Car-Jacking' heißt das Schlüsselwort, brutalste, oft tödlich verlaufende Überfälle auf die Insassen von Autos am helllichten Tage unter dem Einsatz von Schußwaffen, auch in belebten Vierteln Nairobis.

Die Beutestücke, vornehmlich teuere Autos mit Allradantrieb, vorwiegend neuerer Bauart. Sie werden über die grüne Grenze nach Tanzania verschoben.

Zu einer solchen lebensgefährlichen Begegung kam es für Vita und Valentin, eine deutsche Bekannte von uns und ihren neunjährigen Sohn. Sie wurden Opfer von Car-Jackern. Gegen zwölf Uhr mittags vor der deutschen Schule in Nairobi, hielt ein Gangster seinen Revolver an Vitas Schläfe, ein zweiter kaperte das Fahrzeug und bedrohte das neunjährige Kind. Mehr als eine Stunde lang mußte Vita den Wagen kreuz und quer durch Nairobi lenken, während im Fond des Fahrzeuges eine Waffe auf ihren Sohn gerichtet war.

Zweck dieser unerträglichen Geiselnahmen ist es, die scheinbar ausgeklügelten Diebstahlsicherungen der Autos zu umgehen, durch die die Motoren der geklauten Fahrzeuge erst mit Zeitverzögerung lahmgelegt werden.


Ein Blick auf die Millionenmetropole Nairobi (Foto: Klaus Maliga)

Tipps für Autofahrer: Lassen Sie sich nicht aufhalten

Vor ernsteren Bedrohungen blieben unsere Gäste und wir in der Zeit unseres Aufenthaltes glücklicherweise verschont. Dazu mag beigetragen haben, dass man mit zunehmender Aufenthaltsdauer sich auch zunehmend selbstverständlicher und sicherer bewegt, als am Anfang. Das eigene Verhalten teilt sich der Umgebung damit auch zielbewußter und selbstbewußter mit.

Genau das ist übrigens auch ein Rat in den Sicherheitsempfehlungen der deutschen Botschaft zum Thema Autofahren in Kenia. In diesen Sicherheitsmaßgaben heißt es immerhin:

"Die bisherige Erfahrung zeigt, dass Überfälle oftmals auf Personen ausgeübt werden, die sich ängstlich im Straßenverkehr verhalten und bewegen.... Wenn Sie über Land fahren und Sie durch Personen aufgehalten werden, auch durch Uniformierte, lassen Sie sich nicht aufhalten und fahren Sie - wenn möglich - ohne Personenschadenrisiko durch..."

Mein aus diesen sicherheitsrelevanten Überlegungen heraus den kenianischen Verhältnissen verblüffend schnell angepaßtes Fahrverhalten, erschien jedoch bei unserer Rückkehr nach Europa eher nicht reintegrierbar. In Kenia jedoch, in völligem Gegensatz zu Deutschland, scheint sich allein durch die Art, wie man ein Fahrzeug steuert, mitteilen zu lassen, dass man stark ist, dass man schnell ist, und dass man sich einfach nichts gefallen läßt.


Begegnung mit einem Elefantenbullen im Amboseli Park (Foto: Klaus Maliga)

Matatu: Das letzte große Abenteuer Afrikas

Das Abenteuer Afrika scheint sich demnach heutzutage vornehmlich auf den Straßen der Großstädte abzuspielen. Selbst im Fernsehen weisen Werbespots auf die latente Gefahr hin, die bis heute nicht von wilden Tieren, sondern eher von wildgewordenen Matatu-Fahrern ausgeht. Matatu-Fahrer, diese Kapitäne am Steuerrad der buntbemalten Kleinbusse, die zum typischen Straßenbild Kenias gehören.

Es gibt sogar Leute, die behaupten, die Fahrt in einem Matatu gehöre zu den letzten großen Abenteuern dieses Kontinents. Ich behaupte, dieser Nervenkitzel läßt sich sogar noch erheblich steigern: Die ganz harten Jungs nämlich tragen dabei noch ihre Armbanduhr oder ihre Brieftasche bei sich - zumindest beim Einsteigen.

Einige unserer Gäste aber hatten tatsächlich den Wunsch, Afrika von dieser Seite kennenzulernen, so auch Marco, ein sympathischer Jura-Student aus Deutschland, der einige Zeit bei uns wohnte.

Zur Busbelegschaft gehören neben dem Fahrer in der Regel noch ein oder zwei "freie Mitarbeiter", von denen der eine die Aufgabe hat, das Fahrgeld zu kassieren, sich aber in der Hauptsache darauf konzentriert, durch tanzartige, halsbrecherische Bewegungen an der offenen Bustür - bei voller Fahrt, versteht sich - die insbesondere jüngere weibliche Kundschaft auf das Busunternehmen aufmerksam zu machen.

Der andere Mitarbeiter, nennen wir ihn mal "Platzanweiser", hat die vornehme Aufgabe, im Inneren des Busses darum zu bitten, in Stoßzeiten etwas enger zusammenzurücken. Auch der angehende Jurist Marco konnte dabei erleben, dass diese "Platzanweiser" ihrer Bitte mitunter dadurch Nachdruck verleihen, dass sie mit Eisenketten oder Gummipeitschen auf die Fahrgäste einprügeln. Marco ist übrigens nur einmal Matatu gefahren. Kurzstrecke.

Eine Busfahrt als tödliches Risiko

Die Busse selbst sind zusammengeschweißt aus mehreren mutmaßlichen Fahrzeugresten. Und sie erinnern mit ihrer bunten Bemalung und Beleuchtung oft an die Fahrgeschäfte auf unseren Rummelplätzen. Vielleicht kennen Sie ja diese blinkenden und schaukelnden Kabinen, die sich in rasender Geschwindigkeit um die eigene Achse drehen können und sich dabei auf einer rotierenden Scheibe befinden, die sich wiederum auf einer rotierenden Scheibe befindet usw. Wenn Sie sich die daraus resultierenden Bewegungsabläufe vorstellen können, dann wissen Sie auch ungefähr, wie es aussieht, wenn ein Matatu den Uhuru Highway entlangfährt.

Doch im Ernst, wöchentlich erscheinen Meldungen in den Tageszeitungen Nairobis über schwere Unfälle dieser Transportmittel mit häufig tödlichen Folgen für die Besatzung und für die Fahrgäste.

Interessant war die Meldung in einer Tageszeitung, des "Standard", nach der sich eine Vertretung der Matatu-Fahrer über die Höhe der Bußgelder beklagte, die sie bei Polizeikontrollen für abgefahrene Reifen zahlen mußten. Ihre Argumentation: Die hohen Zahlungen von Bußgeldern für abgefahrene Reifen gehe derartig ins Geld, dass man keines mehr für die Anschaffung von neuen Reifen habe. Insofern sei die Höhe der Bußgelder für abgefahrene Reifen die eigentliche Ursache für abgefahrene Reifen.

Über das Glück vom trauten Heim - Mit John F. Kennedy auf Häusersuche

Nach diesem kleinen Schlenker in die Welt der tieffliegenden Bus-Piloten Kenias zurück zu unseren Alltags-Erfahrungen in Afrika.

Weil es drei Monate dauerte, bis unser Möbel-Container aus Deutschland per Schiff via Mombasa eintraf, haben wir zunächst in einem Hotel und danach in einer möblierten Appartement-Anlage gewohnt.

Daher konnten wir uns bei der Suche nach einem Haus zur Miete also Zeit lassen. So lernen wir John F. Kennedy kennen, einen Angestellten der von uns beauftragten Makleragentur, der uns die Angebote seines Büros zeigen soll. Den Namen John F. Kennedy, so erzählt er später, habe sein Vater ihm aus Verehrung für den amerikanischen Präsidenten verliehen. Es sei in Afrika duchaus üblich, Nachkommen mit den Namen berühmter Persönlichkeiten zu schmücken. Sollte man Ihnen also jemals einen Afrikaner vorstellen z.B. mit dem Namen Helmut Kohl, so können Sie davon ausgehen, daß es sich nicht unbedingt um entfernte Verwandtschaft handelt.

Cash or Carry

Mit John F. Kennedy verabreden wir uns also für die Nachmittagsstunden zur Besichtigung einiger Objekte. Unser Fahrer Joseph chauffiert uns.

Die Innenstadt ist um diese Nachmittagszeit völlig verstopft. Der Einfachheit halber geben wir John F. Kennedy daher nach den Terminen etwas Geld fürs Taxi, damit wir ihn nicht selbst zur Agentur nach Downtown zurückfahren müssen.

Die uns gezeigten Häuser weisen jedoch alle den ein oder anderen Mangel auf, so dass die Suche sich zeitlich doch etwas ausdehnt. Eine Reihe von weiteren Terminen kommt hinzu. Des öfteren kommt es dabei jetzt auch vor, daß wir keine Innenbesichtigung vornehmen können, weil der Schlüssel angeblich erst am nächsten Tag verfügbar sei.

Schließlich aber stehen wir und ein strahlender John F. Kennedy doch noch entzückt vor einem schönen Haus mit einem großzügigen Garten. Das könnte es sein. Die Bewohner begegnen uns jedoch außerordentlich feindselig und lassen dabei nicht die geringsten Absichten erkennen, dass sie in der nächsten Zeit hier ausziehen oder überhaupt irgendwann hier verschwinden wollen.

Da fällt bei uns allmählich der Groschen. Das heißt, der Groschen fällt natürlich jetzt in Landeswährung, also umgerechnet in Cent und Shilling: Nicht ein einziges Mal ist John F. Kennedy mit dem Taxi zurück ins Büro gefahren. Sondern er ist immer mit dem Matatu gefahren oder er ist zu Fuß gegangen. Und er hat das Fahrgeld als willkommene Aufbesserung seines Einkommens genutzt. Das ist im Grunde genommen praktisch gesehen und da spielt es dann auch keine Rolle mehr, ob ein Haus zu mieten ist oder nicht, oder dass wir die gesamte Breite des Angebotes seiner Firma schon vor Tagen längst abgegrast hatten.


Gittertor an der Einfahrt zu unserem Haus in der Lasioni Road, Off Riverside Drive, Westlands, Nairobi (Foto: Klaus Maliga)

Vertrag ist gut, Vertrauen ist besser

Das Haus von Mr Davinder Singh Bachu, einem indischstämmigen Industriellen, das wir schließlich auf eine Zeitungsannonce hin gemietet haben, kannten wir daher schon von einer fehlgeschlagen Besichtigung mit John F. Kennedy.

Die Unterzeichnung des ellenlangen Mietvertrages verlief trotz meiner anfänglichen Bedenken ohne größere Probleme. Denn schließlich, so versicherte mir der Rechtsanwalt der Familie Bachu mit einem Treuhandblick von wahrlich hypnotisierendem Ausmaß, schließlich seien die schriftlich fixierten Vereinbarungen ja doch nur ein Vertrag, man dürfe das alles nicht so wörtlich nehmen, was da geschrieben stehe. Mit diesem Argument räumte er denn auch meine letzten Zweifel endgültig aus.

Zwar ist dieses Haus eindeutig etwas zu groß für uns gewesen. Doch die Sicherheitslage war so ausgezeichnet, daß wir sogar bereit waren, auch den für Nairobi unüblichen Swimming-Pool billigend in Kauf zu nehmen. Apropos Sicherheit: Fast alle Häuser in Narobi sind mit Fenstervergitterungen ausgestattet. Viele Gebäude haben auch noch innerhalb der Wohnung eine Gittertür, die den Schlafbereich zusätzlich absichern soll. Erst später haben wir erfahren, dass das Haus der Familie Bachu früher doch schon einmal überfallen worden ist. Doch damals gab es kein Wachpersonal und eine Alarmanlage wurde erst nach dem Überfall eingebaut.

John Whisky schlägt Alarm

Bei diesem Sicherheitssystem handelt es sich um einen sogenannten "Silent Alarm". Bei Gefahr betätigt man einen Schalter, der sich in jedem Schlafzimmer und in den Fluren des Hauses befindet. Dadurch wird ein Funkgerät auf dem Dach aktiviert, das ein Signal an die Zentrale des beauftragten Sicherheitsunternehmens sendet, in unserem Fall also Securicor. Daraufhin ergeht aus der Zentrale ein Funkspruch an eine der fünfköpfigen Mannschaften, die sich mit ihrem Fahrzeug an zentralen Punkten der Wohnviertel Nairobis in Bereitschaft halten.

Wenn diese Signalkette wie beschrieben abgelaufen ist, quetschen sich also umgehend fünf Wachleute im Kleiderschrankformat in einen winzigen Pick-Up und rasen zu dem vermeintlich bedrohten Haus. Auch diese Wachleute tragen diese schmucken blau-roten Uniformen. Außerdem tragen sie dazu Motorrad- oder Rugby-Helme, Baseballschläger und Holzknüppel aller Art und Größe, sowie Arm- oder Schienbeinschützer aus Metall in diversen Farben. Vor dem Haus angekommen, springen dann alle ganz aufgeregt aus dem Auto heraus, rennen eine Weile ziemlich bedrohlich umher und machen dabei ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.

Angesichts dieses grimmigen Auftretens, das Eindringlingen von vornherein das Fürchten lehren soll, ist mir selbst am Anfang das ein oder andere Mal der Schreck in die Glieder gefahren. Unser Alarm wurde allerdings nie durch einen Einbrecher ausgelöst, sondern in aller Regel durch unsere verehrten Gäste. Wir hatten nämlich die Sicherheit unseres Hauses durch ein zusätzliches elektronisches Alarmsystem mit nachtaktiven Bewegungsmeldern erweitert.

Die Securicor-Zentrale sah die Fehlalarme allerdings sehr gelassen, seien sie doch ein guter Test für die Funktionsfähigkeit des Systems und eine gute Übung für die Bereitschaft der Wachleute.


Vergitterte Tür an der oberen Südterrasse unseres Hauses. Fast alle Häuser in Narobi sind mit Fenstervergitterungen ausgestattet. Viele Gebäude haben auch noch innerhalb der Wohnung eine Gittertür, die den Schlafbereich zusätzlich absichern soll. (Foto: Klaus Maliga)

Da unser erweitertes Alarmsystem jedoch zusätzlich gekoppelt war mit einem Außenalarm im Form eines rotierenden Blinklichtes und einer bemerkenswert lautstarken Sirene, stand wohl jedesmal der halbe Stadtteil senkrecht im Bett und wußte, John Whisky hat wieder Besuch im Haus.

Wenn Sie wissen möchten, was dieser John Whisky hier eigentlich zu suchen hat, dann lesen Sie bitte Kapitel 4.

4. Gesichter und Geschichten aus Afrika

Auf der Flucht: Ein Gärtner mit Vergangenheit

Ach ja, wenn Sie gestatten, John Whisky, das bin ich. Beziehungsweise ist das einer der zarten Versuche der Einheimischen, sich der Schreibweise und Aussprache meines Namens, Jörg Miszewski, anzunähern. Eines Tages erhielt Mr John Whisky nämlich einen Brief von einem unserer Wächter, der mit Vornamen ausgerechnet Aloice hieß. Aloice, Loisl, bat mich in diesem Schreiben darum, seinem Sohn Alfred einen Job als Shamba-Boy zu geben. Shamba-boys sind so eine Art Gärtner.


Einer der Versuche der Einheimischen, sich der Schreibweise und Aussprache meines Namens Jörg Miszewski anzunähern (Foto: Privat)

Alfred war etwa 30 Jahre alt und wir haben ihn schließlich aufgrund der Empfehlung seines Vaters Aloice mit einer Probezeit als Gärtner eingestellt. Nach einigen Wochen mußten wir ihn jedoch entlassen, weil er verschiedene Verfehlungen beging, die wir vor den Augen unserer anderen Hausangestellten nicht durchgehen lassen konnten.

Später dann stellte sich übrigens heraus, dass Alfred gar nicht der Sohn von Aloice gewesen ist, und Aloice auch nicht sein Vater. Und es stellte sich auch heraus, dass Alfred zuvor niemals als Shamba-Boy oder Gärtner gearbeitet hatte. Er war im Hauptberuf vielmehr der Führer einer christlichen Gemeinde auf dem Lande. Sein Aufenthalt in Nairobi war eher eine Station seiner Flucht, und die Arbeit bei uns eher eine Tarnung, weil die Angehörigen seiner ehemaligen Gemeinde ihn wegen einiger Unregelmäßigkeiten in der Geschäftsführung und auch wegen seiner polygamen Lebensführung zu fassen kriegen wollten.

Bei seinem Abschied von uns - oder besser gesagt - bei seiner Kündigung vergaß Alfred nicht, irgendeinen Segen - oder besser gesagt - irgendeinen Fluch auf uns anzuwenden. Und er ließ uns schließlich in der Erkenntnis zurück, dass seine eigenwillige Gartengestaltung keineswegs ein Zeichen kreativen Talents gewesen war, sondern schlichte Unkenntnis dieses Metiers.

Wie ein Spuk mit Lederkoffer

Die Geschichte mit Alfred, dem angeblichen Shamba-Boy, war nicht die einzige denkwürdige Begegnung auf unserem Grundstück. Auch andere versetzten uns bisweilen in Erstaunen, sogar unsere fleißige housemaid Margret. Margret kränkelte bisweilen ein wenig, und eines Tages musste ich mit ihr zum Arzt fahren. Er stellte eine fiebrige Erkrankung der Atemwege fest, die sich als sehr hartnäckig erwies. So musste Margret, versorgt mit Medikamenten, für einige Zeit das Bett hüten. Nach ein paar Tagen ließ sie mich fragen, ob sie Krankenbesuch von ihren Cousinen empfangen dürfe.

Selbstverständlich war es ihr gestattet, und so kam es, dass wenig später Wächter Joseph mir bescheid gab: Besucher für Margret stehen vor dem Tor. Ich sagte ihm, das sei in Ordnung und er möge sie doch bitte hereinlassen. Als ich aus der Haustür kam, um die Besucher persönlich zu begrüßen, da sah ich gerade nur noch, wie sieben oder acht Frauen in langen Gewändern mit einem riesigen, geheimnisvollen Lederkoffer wie ein Spuk über unseren Hof huschten, allesamt in der kleinen Kammer von Margret verschwanden und eilends die Tür hinter sich zuzogen.

Nun muss ich sagen, dass Margret immer eine eifrige Kirchgängerin gewesen ist, die dieser christlichen Pflicht jeden Sonntag nachkam. Und weil wir durch die selbstverfaßten Kirchenlieder unseres dichtenden Kochs Samuel bereits einiges gewohnt waren, erschreckten mich auch die Gesänge zunächst nicht, die bald darauf aus Margrets Zimmer zu hören waren.

Im Verlaufe des Besuches der Cousinen steigerte sich allerdings die Lautstärke und es veränderte sich der Rhythmus der Gesänge derart befremdlich, dass dadurch meine Aufmerksamkeit geweckt wurde. Melodischen Klängen folgte plötzlich ein irres Gekreische, auf dunkles Gemurmel folgten laute Klatsch- und Knallgeräusche, die ich bis heute nicht zu identifizieren weiß. Offenbar angelockt von diesen seltenen Tönen auf unserem Grundstück versammelten sich inzwischen bei Joseph vor unserem Tor bereits einige Wächter der umliegenden Häuser, und sie gerieten ganz offensichtlich in so eine Art Fachsimpelei.

Dieser ganze seltsame Vorgang zog sich über zwei drei Stunden hin, bis Joseph schließlich am Haupthaus klingelte und mir von Margret ausrichten ließ, ich möge ihr doch bitte ihre Fleischration aushändigen, die bei uns im Gefrierschrank lagerte. Sie wolle ihren Besuch verköstigen. Margret bevorzugte damals chicken wings, also Hähnchenflügel, und ich habe es mir aufgrund einer gewissen Sorge nicht nehmen lassen, sie ihr persönlich zu bringen.

Da saßen nun sieben bis acht Frauengestalten in der stickigen Kammer um Margrets Bett herum, als könne sie kein Wässerchen trüben. Der Lederkoffer stand verschlossen in einer Ecke. Margret, die vor dem Besuch noch wie ein Häufchen Elend aussah, saß jetzt wie in Trance auf ihrem Bett und glühte wie ein Grillanzünder. Als sie mich dann doch zur Kenntnis nahm, freute sie sich, dass ich ihr die "kitchen wings", die "Küchenflügel" vorbeibrachte. "Margret" sagte ich ruhig zu ihr, "das sind keine kitchen wings, das sind chicken wings." Unversehens brach sie daraufhin in ein irres Gelächter aus, das ich noch nie von ihr gehört hatte. "Kitchen-wings, kitchen wings", stammelte sie zwischendurch immer wieder, und lachte, bis ihr die Tränen kamen. Die versammelten Cousinen beobachteten das Ganze mit eisernem Schweigen.

Nach ihrer Genesung ein paar Tage später, habe ich Margret streng und direkt gefragt, ob sie damals Besuch gehabt habe von einem witch-doctor, einem Hexen-Doktor. Es ist das einzige Mal gewesen, dass ich gesehen habe, wie sie innerlich erschrocken war. Nein, nein sagte sie schnell, das seien doch ihre Cousinen gewesen, mit einem witch-doctor habe sie nichts zu tun, und wollte sich unverzüglich wieder ihrer Arbeit zuwenden. Zuvor musste sie mir aber noch versprechen, in jedem Fall die Medikamente aus dem Krankenhaus weiter einzunehmen. Sie versprach es, und wir nahmen es erleichtert zur Kenntnis, dass Margret nach ihrer Gesundung ihre regelmäßigen Kirchgänge wieder aufnahm.

Zahnbehandlung mit Hindernissen

Zur medizinischen Versorgung allgemein läßt sich übrigens sagen, dass zum Beispiel das Nairobi Hospital, in dem wir auch Margret behandeln ließen, einen sehr guten Standard bietet, der sich durchaus mit europäischen Maßstäben messen läßt. - Sofern man ihn sich leisten kann. Eine kostenlose Grundversorgung der kenianischen Bevölkerung wurde von der Regierung auf Druck der Weltbank zurückgenommen. Behandlung nur gegen Cash.

Ich selbst war gezwungen mich einigen Zahnbehandlungen hinzugeben, bei Mrs. Satchdeva, einer in Großbritannien ausgebildeten jungen Zahnärztin, die aus Malaysia stammte und die mir empfohlen wurde. Auch hier hatte ich immer ein dickes Geldbündel in der Tasche, das ich v o r der Behandlung ablieferte. Der Zahnarztstuhl war zwar etwas älter, aber funktionstüchtig, die Praxis zwar etwas klein, aber sauber, die Behandlung selbst war meist kurz und schmerzlos.

Dabei meine ich aber nicht, dass Mrs Satchdeva kurzen Prozeß machte, auch hier durchaus europäisches Niveau. Nur einmal hat mich im Zahnarztstuhl ein leichter Schauer gepackt, als nämlich mitten in der Behandlung für längere Zeit der Strom ausfiel. Das kam in Nairobi aber selten vor.

Effektives Chaos bei der Power Company

Einmal allerdings bereitete mir der örtliche Energieversorger, die Kenya Power and Lighting Company "KPLC", gewisse Kopfschmerzen:

Ich erhielt nämlich diese zwei Briefe dieses Unternehmens, die mich mit gleicher Post am gleichen Tag erreichten. Wobei das eine Schreiben die diesmal ein wenig überhöhte Stromrechnung enthielt, der andere Brief hingegen ausdrücklich davor warnte, diese Rechnung zu bezahlen. Man ermittele wegen extensiven Stromverbrauchs nach Fehlerquellen in der Abrechnung.

Mein europäisch geschultes Mißtrauen ließ mich natürlich sofort vermuten, dass man in einer dritten Abteilung der KPLC, deren vornehme Aufgabe es ist, säumigen Zahlern den Strom abzudrehen, möglicherweise keine Ahnung hätte von diesem Vorgang. So eilte ich sofort zur KPLC-Zentrale, wo ich meine Bedenken jedoch keineswegs ausgeräumt sah:

Hunderttausende dieser Din-A-5 großen, computererstellten Rechnungsdrucke müssen es gewesen sein, die dort herumlagen. Nicht etwa nur in Archivschränken, auf Schreibtischen oder in Ablageschalen. Nein, nein. Auch in Papierkörben, auf dem Fußboden, unter den Tischen, auf den Fluren, nahezu alles war übersät von diesen Rechnungen, als habe eine kräftige Windböe durch die Büros geweht.

Angesichts der fensterlosen Räume kam mir das jedoch etwas weit hergeweht vor. Und ich muß voller Anerkennung sagen, dass die Abrechnungen immer gestimmt haben. Und vor allem, dass die Abrechungen immer verständlich zu lesen waren.


Der schneebedeckte Mount Kilimandjaro von der kenianischen Seite aus betrachtet. (Foto: Klaus Maliga)

Afrika mit anderen Augen

Die hier erzählten und viele andere Erinnerungen aus unserem sogenannten Alltag in Kenia sind mir beim Schreiben dieser Zeilen wieder so frisch ins Gedächntins gerufen worden.

Mir haben die Erlebnisse und die Erfahrungen in den drei Jahren Afrika bei allen Problemen vor allem eines gezeigt: Ein anderes Gesicht Afrikas, eines, das in unseren Medien in der Regel keinen Nachrichtenwert besitzt. Es ist das Gesicht von hoffnungsfrohen und freundlichen Menschen, mit ihrem Humor und ihrer Gastfreundschaft, ihrer Schaffenskraft und Hilfsbereitschaft. Damit sollen und können die Not und die kriegerischen Grausamkeiten nicht beiseite geschoben werden, die uns von diesem Kontinent berichtet werden.

Aber es gibt dieses andere Gesicht Afrikas. - Es ist vielleicht wie das freundliche Gesicht des Straßenjungen vom Uhuru-Highway, der Straße der Unabhängigkeit, aus dem Freundlichkeit aber auch seine Hoffnungen für eine bessere Zukunft herauslächeln. Seinen Gruß, wenn er damals meinem Toyota im Strom der Autokolonne nachgewinkt hat. Seine fröhlichen Augen. Nie habe ich ihn nach seinem Namen gefragt.

 


 

Sweetwaters Tented Camp, Nanyuki, Kenia (Foto: Ute Eskildsen)

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