Reisenotizen aus Mexiko

 
... Das Hotel Los Flamingos liegt in La Quebrada, auf einer Klippe hoch über dem Meer, nahe dem Felsen der Clavadistas, den weltberühmten Todesspringern Acapulcos. In den fünfziger und sechziger Jahren gehörte es der Hollywood-Gang, so erzählt der Besitzer mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut. Drei Musiker treffen sich mit dem Patron im Restaurant. Sie spielen melancholische Lieder, voller Leidenschaft, mit schmalzigem Pathos in der Stimme. Man redet wohl über vergangene Zeiten. Die Stimmung ist wie mit Patina belegt. Doch am Pool herrscht immer ein frischer Wind vom Meer...

Mexiko, Februar - April 1991

 

Ein frischer Wind vom Meer

Mexico-City

  20. Februar, 1 Uhr morgens

Es ist einer der letzten Jumbos aus Europa in dieser schwül-warmen Nacht. Das Werben von vielleicht fünfzig Taxifahrern um Fahrgäste ist hartnäckig, beinahe beschwörend: "Taxi, Señor! Taxi, Taxi!" Die Fahrt vom Flughafen am Ostrand der 21-Millionen-Metropole zum gebuchten Hotel führt über 13 Kilometer vorbei an heruntergekommenen Gebäuden mit zum Teil völlig zerstörten Fassaden. Die Atmosphäre wirkt bedrohlich im fahlen gelben Licht der Straßenlaternen. Der Fahrer nimmt den Weg über menschenleere Straßen mit einem enormen Tempo. Mehrmals bekreuzigt er sich während der Fahrt. Roten Ampeln schenkt er keine Beachtung. Aus welchem Grund auch immer, aber ich wage nicht, mich anzuschnallen.

  20. Februar, 8 Uhr morgens

Trotz frühzeitiger Reservierung von Europa aus war das gebuchte Hotel belegt. Die erste Übernachtung daher im "Vertragshotel" des Taxifahrers, wovor alle Reiseführer warnen. Ärger, übermüdet, kaum geschlafen. An diesem ersten Morgen schwankt der Boden im Hochhaushotel in der Calle Madrid, einer Nebenstraße des Prachtboulevards Paseo de la Reforma. Die Fassaden der gegenüberliegenden gut dreißig Stockwerke tanzen. Kreislaufstörungen durch die Akklimatisation, ich weiß. Aber um sicher zu gehen, fülle ich ein Zahnputzglas mit Wasser, stelle es auf den Tisch und beobachte die Wasseroberfläche. Sie bleibt ruhig. Die Höhenlage von über zweitausendvierhundert Metern fordert den Kreislauf, zwingt zu schnellerem Atem.

  23. Februar, gegen 18 Uhr

In der Altstadt am Zocalo, dem zentralen Platz der Stadt, herrscht drangvolle Enge und Geschäftigkeit. Teuere Geschäfte neben billigen Tacoständen. Überall ein stechender Geruch von Mais, Gewürzen, Autoabgasen. Mondäne Frauen mit spendablen Begleitern. Indios, die auf den Gehsteigen sitzen und betteln. Ich höre das rhythmische Gerassel des Bambusinstrumentes, mit dem einer von ihnen auf sich aufmerksam machen will. Es ist nicht sehr laut, aber durch den Rhythmus tritt es aus dem ungeordneten Lärmen der Autos und Menchenmassen hervor. Bald wirkt es hämmernd, aggressiv, wie ein Rufen. Vor dem Hotel Majestix öffnet der rotlivrierte Page die Tür eines amerikanischen Straßenkreuzers.

  Im Touristenviertel Zona Rosa

Vor Banken und Schmuckgeschäften stehen schwerbewaffnete Wachposten mit gepanzerten Westen und großkalibrigen Schrotflinten, auch Frauen. Einige tragen Lidschatten und ihren Nagellack in der stahlblauen Farbe der Schnellfeuerwaffen, die sie lässig geschultert haben.

Überall ungenierte, fast aufdringliche Blicke - im Bus, in der Metro, auf dem Gehsteig, im Restaurant. Man ist ständig beobachtet. Rollentausch eines Nicht-Pauschalreisenden. Mit heller Hautfarbe gilt man zunächst als Gringo, als ungeliebter Nordamerikaner. Ständig kleine Betrügereien um ein paar Pesos. Ein deutlicher Anti-Amerikanismus ist zu spüren. Schließlich befolge ich den Rat eines Reiseführers und gebe meine Nationalität bei jeder banalen Gelegenheit zu erkennen. Gespräche über das kalte Wetter in Alemania und vor allem über Beckenbauer, Klinsmann und Co. haben preisreduzierende Wirkung.

  3. März, 11 Uhr, Bosque de Chapultepec

Im zentralen Park der Hauptstadt herrscht ein Treiben wie auf dem Rummelplatz. Hunderttausende suchen hier sonntags Erholung. Buden, Stände, krakeelende Kleinhändler. An mehreren Stellen im Park sitzen ältere Männer vor ihrer alten rostigen Badezimmerwaage. Hundert Pesos, das sind fünf Pfennig, kostet eine Gewichtskontrolle. Auf der Anhöhe sieht man das Castillo, das prunkvolle Schloß Maximilians.

  7. März, vormittags, Hostel Casa de los Amigos

Die Augen tränen, ständiger Hustenreiz, Atemnot. "Höchste Ozonwerte seit Messung in Mexico DF", titelt die Zeitung. Die grüne Partei des Landes lässt an besonders stark belasteten Stellen im Stadtgebiet "Sauerstofftankstellen" aufbauen, 25 Kabinen im Telefonzellenformat. Für fünftausend Pesos erhält man Zutritt, um für eine Minute gefilterte und mit Sauerstoff angereicherte Luft zu atmen.

  9. März

Schlagzeile in der Tageszeitung Excelsior: "16 Totschläge, 147 Raubüberfälle, 62 Verletzte, davon 3 vorsätzliche Morde, 22 vorsätzliche Körperverletzungen und 15 Sexualdelikte innerhalb von 24 Stunden."

  11. März, 20 Uhr

Vom Portier des Oxford-Hotels nehme ich die Empfangsquittung über mein Wertsachendepot entgegen. Darauf ist zu lesen: "Keine Haftung bei bewaffneten Raubüberfällen oder Erdbeben." Gegenüber in der Carlton-Bar in der Calle Ignacio Mariscal spielen einige Gitarristen sentimentale mexikanische Lieder. Der nur spärlich eingerichtete Raum ist übervoll, verraucht und stickig. Ausschließlich Hombres bis auf einen Damentisch, der offensichtlich freigehalten wird. Ab und zu wechselt seine Besetzung. Ein Mexikaner lässt fragen, ob er sich an unseren Tisch setzen darf. Er stellt sich als Rechtsanwalt vor, spricht über seine Zeit in New York und über seine Stadt: "Veinti milliones locos." Zwanzig Millionen Verrückte. Und "be careful" mahnt er eindringlich. Er spendiert ein paar Coronas und ein Lied, für das er dem Musiker zahlt.

  14. März, 15.30 Uhr, U-Bahnstation Bellas Artes

Es passiert innerhalb von Sekunden: Die Metro nähert sich der Station. Plötzlich wird es eng vor dem Ausgang. Ich bekomme Angst, im Wagen steckenzubleiben, denn die Türen schließen automatisch nach kürzester Zeit. Ich drücke gegen die Leiber, die mir den Weg versperren. Ich klebe fest. Dann das Pfeifen des Türschließsignals. Mit einem Mal komme ich frei, schaffe gerade den Ausstieg, stehe auf dem Bahnsteig. Die Türen schließen, die Bahn fährt ab. Erst jetzt begreife ich. Ich fasse an die vordere linke Hosentasche. Die Brieftasche fehlt. Kreditkarte, fünfzig Dollar, Führerschein. Ich habe absolut nichts davon bemerkt. "Profis", meint die Touristenpolizei in der Zona Rosa, die einen ausführlichen Bericht aufnimmt. "Sie machen auch den Einheimischen das Leben schwer." Die Polizisten sind ungemein freundlich, locker, scherzen, bieten Kaffee an.

  8. April

Es gibt ein staatliches und mehrere Privatunternehmen zur Müllentsorgung, die den Abfall bereits vorsortieren. Auf dem Depot wird der Müll weitere Male per Handarbeit nach Verwertbarem durchforstet. Gesteuert wird dieses "Recycling" von straff geführten, mafiaähnlich organisierten Banden. Der örtliche Büro-Chef der deutschen Presseagentur dpa, Thomas von Mouillard, erzählt von einem schweizer Fernsehteam, das darüber einen Filmbericht drehen wollte: Sie seien beinahe erschossen worden. Ein kranker, angefressener Stadtorganismus, aus dessen Ausscheidungen Tausende noch das letzte Verwertbare herausfiltern. Eine apokalyptische Vision, die hier Alltagsrealität ist. Es handelt sich dabei um Tausende von Menschen.

 

Morelia, Michoacan

  24. Februar, 17 Uhr

Eine Doppelstreife eilt mit einem gefüllten Plastikbeutel über den Gehsteig vor dem Busbahnhof. Vor dem Gebäude wartet ein gepanzerter Werttransporter. Vorneweg geht der Polizist mit dem Beutel, halblinks fünf Meter hinter ihm der zweite Wachbeamte, die Hand am Colt, halb aus dem Halfter gezogen, den Blick in alle Richtungen offenhaltend.

  22 Uhr

Die untergegangene Sonne färbt den Himmel noch gelb-rot. Die Luft ist orange und kontrastiert das Graublau der zunehmenden Schatten. In diesem Licht schlafen Indios, Kleinhändler, Obdachlose bereits eingerollt in Decken auf dem staubigen Gehsteig vor dem Busbahnhof der Stadt. Am Zocalo singt ein Mexikaner mit lauter, kehliger Stimme: "Que te pasa, querida.." Er sammelt ein paar Pesos. Noch ist die Hitze des Tages zu spüren. Doch nachts wird es hier empfindlich kalt.

 

Barra de Navidad

  27. Februar, 21 Uhr

Hora Feliz im Strandlokal: Von achtzehn bis neunzehn Uhr gibt es jedes Getränk in doppelter Menge zum einfachen Preis. Glückliche Stunde - Margaritas, Cervezas, Tequila Sunrise.

Das Meer ist hier unberechenbar. Ruhigem Wellenspiel folgen plötzlich meterhohe Brecher, die bereits vor der Anbrandung Schaumkronen bilden. Besonders heftige Wellen spülen bis auf die Terrasse. Der Rückfluss des angebrandeten Wassers ist enorm, man fühlt sich förmlich mit eingesogen. Die Gischt spritzt und regnet in alle Richtungen. Es wirkt wie eine Explosion, deren Qualmwolken aus feinstem Sprühwasser bestehen, das sich weit über den Strand verweht und Haut und Lippen versalzt.

Der Sonnenuntergang bietet das pazifikübliche melodramatische Schauspiel. Entgegengesetzt, zentral über einer Straßenflucht, die zum Strand führt, steht bereits der Mond, umgeben von einigen verzirrten Wolkenfahnen, die nur ein Weilchen noch rosa-transparent bestrahlt vor einem türkisgläsernen Firmament schweben. Nach dem Versinken der glutroten Sonnenscheibe stellt sich eine ganz andere Farbstimmung ein, klarsichtig und frisch, beinahe surreal im Kontrast zur Empfindung von Wärme und Wind, den Brandungsgeräuschen, dem Kreischen der Pelikane, Möwen und Kormorane.

  29. Februar, 16 Uhr, Hotel Delfin

Viele Amerikaner machen hier am Pazifik Urlaub. Kurze Gespräche über Heidelberg, Porsche, Wein. Colorado Springs und southern accent. Nette Leute. Andere trinken und lärmen die ganze Nacht. Drogen seien im Spiel, argwöhnt die Zimmerwirtin. Ich lese in einer mexikanischen Zeitung über den Golfkrieg. Eine angetrunkene junge Amerikanerin kommt auf mich zu und strahlt: "We've won the war!" "Ja, den habt ihr wohl gewonnen", sage ich leise auf deutsch.

 

Oaxaca

  13. April, 20 Uhr

Plastikpuppen, Häkeldecken, Selbstgebasteltes. "Mira,Mira!" Unermüdliche Kleinhändler in den Bars am abendlichen Zocalo propagieren hartnäckig ihr Angebot. "No, gracias", sage ich zunächst freundlich. Später nur noch "No!" Nach Dutzenden von erzwungenen Absagen schüttele ich nur noch mit dem Kopf, sehe weg, versuche, es zu ignorieren. Ich spüre die Aggressionen in mir und bei den anderen. Ich fühle mich nicht wohl dabei.

 

Acapulco

  20. April, 21 Uhr

Die Bergketten ziehen sich teilweise bis an die Pazifikküste und fallen dort steil ab. Die "Traumstrände" an der fast geschlossen von Hotelburgen umstandenen Bucht erreicht man nach der Busfahrt durch die Slums der Vorstädte. Der Kontrast zwischen mondänem Urlaubseldorado und sozialer Not ist auch hier unübersehbar. Auf dem Mercado, dem Innenstadtmarkt, ringen konzessionierte und illegale Händler um Kundschaft. Es herrscht ein scheinbares Chaos. Exotische Fische. Früchte. Gerüche. Lärm. Staub. Hitze.

Das Hotel Los Flamingos liegt in La Quebrada, auf einer Klippe direkt am Meer, nahe dem Felsen der Clavadistas, den weltberühmten Todesspringern, abseits vom Trubel der Innenstadt und hoch über dem Pazifik. In den fünfziger und sechziger Jahren gehörte es der Hollywood-Gang, so erzählt der Besitzer mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut.

An den Wänden der Rezeption hängen vergilbte Fotografien mit den Autogrammen, auf denen der Patron mit John Wayne, Johnny Weissmüller, Richard Widmark oder Fred McMurray posiert. Jetzt sind nur einige wenige Gäste im Haus. Drei Musiker treffen sich mit dem Chef auf der Restaurantterrasse. Sie spielen melancholische Lieder, voller Leidenschaft, mit schmalzigem Pathos in der Stimme. Man redet wohl über vergangene Zeiten. Die Stimmung ist wie mit Patina belegt. Doch am Pool herrscht immer ein frischer Wind vom Meer.

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