Ute Helmbold – "Ein Mensch"

Ein Bilderbuch für Erwachsene – Textbeitrag in der Fachzeitschrift "NOVUM Gebrauchsgrafik", München 1988

Menschenkinder sind sie alle, der Zeitgenosse von nebenan oder Kollege Meier im Büro, der Mann von Welt in der fremden Stadt oder im Kampf mit seinem Seelenalltag. Die paarreimende Gebrauchslyrik des Münchener Humoristen Eugen Roth gerät bisweilen zur psychologischen Handwäsche. Und daraus schaut er dann meist recht dumm: ein Mensch.

So ist "Ein Mensch" auch Titel, These, Thema eines Bilderbuches für Erwachsene, das die Essenerin Ute Helmbold zu einer Auswahl von dreißig Roth-Versen mit eben diesem Titel gestaltet hat, als Diplomarbeit im Studiengang Kommunikationsdesign an der Gesamthochschule Essen.

Angenehm unkonventionell ist eigentlich fast alles an dem Konzept der jungen Künstlerin - Typografie, Illustration, Format.

In Anbetracht der DIN-A2-Größe des Buches verrichten zeitungserfahrene Erwachsenenhände gewohnt lange Wege beim Umblättern, um dann bei den jeweils unterschiedlich gestalteten Bildgeschichten noch länger zu verweilen.

Die Semantik der eigens entworfenen Schriften wirkt als bildhafte Typografik wie eine kalligrafische Abenteuerreise durch die vielfältigen Möglichkeiten dieses Gestaltungsmediums. Sie spielt mit den Muskeln von Majuskeln und Minuskeln, die Schriftzeichen verlebendigen sich zu eigenständigen Geschichten.

Arabeske Lettern oder zu einem "A", "B" oder "C" buchstäblich verkrümmte Figuren oder linkische Kompositionen von Stempelschriftzeichen verheißen Atmosphärisches: "Ein Mensch zu kriegen einen Stempel, begibt sich zum Beamtentempel ..."

Auch die syntaktische Zuordnung der Texte dient der vorherrschenden Bildhaftigkeit der Buchseitengestaltung. Ihre Strukturierung nach Lese- und Verständnisfluss in neu umbrochenen Zeilenlängen, die typografische Organisation in Zuordnung zu den Bildelementen werden vornehmlich affektiv-emotional wirksam. Die Lesbarkeit als kognitiver Aspekt der Typografie muss zum Teil spielerisch entschlüsselt werden. Gestalterische Spielfreude und Experiment haben Vorrang vor funktionellem Buchdesign. So zeichnen sich die Kompositionen aus ideenreicher Kalligrafie und Illustration durch ihre künstlerische Konzeption aus.

In solcher Weise durchwirkt von eigenwilligen Schriftzeichen, gebärden sich die Illustrationen mal als groteske Figurationen wie aus dem Zeichenarsenal eines Karikaturisten, mal stellen sie sich wie comic-artig reduzierte Überzeichnungen zum anekdotischen Reim-Biß Eugen Roths. Oder sie dekonturieren im seriellen Ablauf der Bildgeschichte von der figürlichen Darstellung hin zur abstrahierten grafischen Spur.

Ebenso wie die Kalligrafie des Bilderbuches erweitern auch die Illustrationen die assoziative Spielwiese des Betrachters, auf der die von Eugen Roth gepflückten menschlichen Neurosen blühen.

Ungewöhnlich und verblüffend schließlich die Zeichentechnik: Mittels Fotokopierer wurden gezeichnete Vorlagen zu Bildsequenzen ausgeweitet. Experimente durch das Bewegen der Kopiervorlagen über dem Lichtwagen des Gerätes oder mit Vergrößern, Verkleinern, Vergröbern, Retuschieren und Reduzieren wurden als Gestaltungsmöglichkeiten eines gleichsam elektrophysikalischen Farbtopfes eingesetzt.

Die Farbqualitäten erreichen eine erstaunlich pittoreske Textur, das vorwiegend grafische Lineament der Illustrationen gestattet mittels der Kopierer-Technik ungewöhnliche Entfremdungen.

Mit eher menschlichen Entfremdungen beschäftigen sich Eugen Roths Verse. Ute Helmbolds Buchgestaltung dazu erreicht mit Hilfe von Kopien einen hohen Grad von Originalität.

Jörg Miszewski

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