„Über das Diesseitige der Transzendenz“
Zu den Gemälden von Prof. Nikolaus von Georgi, Düsseldorf, anläßlich einer Ausstellung im Staatstheater Budapest, Ungarn
Welches Geheimnis liegt der Faszination zugrunde, die von Nikolaus von Georgis Bildern ausgeht? Welchen Weg nimmt das zunächst vielleicht unbestimmte Interesse, das den Betrachter nach scheinbar unbefangener Annäherung mehr und mehr gefangen nimmt?
Gewiß, es gibt die konnotierten Inhalte, die im Zwang zur Wiedererkennbarkeit im Bild den Landschaftsgedanken nahelegen: Horizonte, Nordlichter, surreale Gebirge. Doch sind diese sich leicht einstellenden Assoziationen allenfalls das Material und nicht die Thematik seines Werkes, die er in immer neuen Variationen untersucht und formuliert.
Es handelt sich viel eher um die I d e e von Unendlichkeit und Licht, um die Vorstellung von räumlichen Tiefen. Um eine Erkenntnistätigkeit also, bei der die Anschaulichkeit an die Stelle von Begriffen tritt. Anschauliche Erkenntnis, die von Georgi in der Art der Anordnung des "Materials" visuell formuliert, und die er in komplexe Zusammenhänge stellt, in der Art, wie er die Fläche seiner Leinwände strukturiert.
Es ist die Farbe, die als Faszinosum Licht gefangen nimmt. Im Zusammenklang mit den Bauelementen seiner Kompositionen leitet sie an, den Standpunkt, die räumliche Distanz zu den Acrylbildern zu verändern. Nahe heran, bis die Textur der Leinwand erkennbar wird, um die einzelnen, mittels Tonungskontrasten aus einem Raster hervorgehobenen Vielecke zu untersuchen. Bei zunehmendem Abstand verbinden sich die Rautenformen zu größer gefügten Einheiten, zu größerflächigen Tonverläufen, in sich verlebendigt durch die Abstufungen der kleineren Elemente. Es verliert sich die Wahrnehmung von Materialismen wie Pinselspur und Oberflächenbeschaffenheit der Malereien. Die Rasterelemente verschmelzen zu großräumigen Einheiten der Bildkomposition.
Zunehmend scheinen sich auch analysierende Wahrnehmung und immaterielle Substanz der Bilder zu vermengen.
Es entsteht der scheinbare Widerstreit zwischen Verstand und Gefühl in der Beziehung von Bild und Betrachtung. Eine Dialektik, die sich zwischen konkreter Wahrnehmung und Transzendenz, zwischen eingebrachter Erfahrung und der Irritation durch die Neuordnung identifizierbarer geometrischer Figuren bewegt. Und die sich in der beinahe persuasiven Wirkung der Raumillusion im Kontrast zur Wertigkeit der bildformalen Mittel, die sie erzeugen, alternierend fortzuschreiben scheint.
Über all dem das Licht, das als geistige Substanz alles Körperlichen metaphysische Qualitäten erfährt und eine Utopie, den Traum einer Sache zu erhellen scheint.
Diese dialektischen Strukturen entspringen der syntaktischen Kontrastierung der Bildmittel: Rationalen Formordnungen steht eine beinahe irrationale Farbgebung gegenüber. Die geometrisierte Summation von begrenzten Flächen führt zur Idee von Unendlichkeit.
Selten so scheint es, teilen sich Kalkül und Emotion, Gefühl und Mathematik, Planungsstatik und alternierender Bewegungsrhythmus in solch ineinander verflochtener Entstehungsweise ein gemeinsames Rechteck, wie in den Bildern von Nikolaus von Georgi. Der analytischen Betrachtung der Gestaltungselemente, wie zum Beispiel Geometrie, Raster, Konstruktion, Rechteck und Raute, steht die Empfindung von Lichtsphären, Sehnsucht, illusionären Räumen, stehen visionäres Kolorit und Farbvisionen gegenüber.
Vielleicht liegt in diesen Kontrapunktionen Musikalität und Harmonie seiner Bilder begründet: Harmonie als Ausgleich von Gegensätzen.
Die Bildidee selbst ist als vom Verstand geleitete Erfindung bestimmend für das Gestaltungskonzept. Die Prägnanz der Konstruktion findet ihren Gegenpart in den teils samtigen, teils scheinbar fluoreszierenden Licht- und Farbströmen. Sie werden unmittelbar, emotional wirksam.
Von Georgi nutzt das Instrumentarium der illusionistischen Malerei, Raumtiefe etwa entsteht durch perspektivisches Lineament, durch die Verläufe von Tonwerten und Farbstufen. Es bilden sich scheinbare Horizonte, die Groß-Klein-Perspektive der kubischen und flächigen Attribute (ver-)führt in die Tiefe des illusionären Raumes. Dennoch widerstrebt die Bildhaftigkeit der verwendeten Mittel dem widerstandslosen Eintauchen in diesen Raum.
Hier konstituiert sich der bereichernde Konflikt zwischen der Wertigkeit der formalen Mittel und ihrer Deutung, werden Form und Inhalt eine untrennbare dialektische Einheit: Die Waagerechte ist ein Horizont ist eine Waagerechte. Die Unendlichkeit der Raumtiefen besteht aus Linien, die bei ihrem Weg über die Leinwand den rechten Winkel verlassen haben. Der Raum bleibt Idee, seine perspektivische Verkürzung in der zweidimensionalen Darstellung ließe sich berechnen. Die Transformation der einzelnen Elemente folgt dabei nur scheinbar mathematischen Prinzipien. Ihr rechnerisches, lineares Maß verformt sich vielmehr durch eine ästhetische Korrektur, der eine gefühlte Präzision des Gestalters zugrunde liegt.
Die Präsenz der Bildhaftigkeit von Nikolaus von Georgis Gestaltungsmitteln verschafft ihnen Autorität auch und gerade diesseits ihrer imaginären Horizonte. Sie sind weder Mittel zur Illustration fiktiver Landschaften noch Aufbauten eines Bühnenbildes für die romantisierende Selbstinszenierung des Publikums. Nikolaus von Georgis Werk thematisiert nicht zuletzt Inventionen, Innovationen, Ereignisse von Gestaltungszusammenhängen als ingeniöse Forschung über die Komplexität von Scheinbarem und Erscheinungen.
Dadurch bieten sich seine Arbeiten als Reflektionsfelder über die Beziehung zwischen Bild und Betrachter, in dem vielleicht das Unfaßbare, das Unerklärliche, das "Geheimnis" seiner Bilder begründet liegt: Die Präzision in der Formulierung von erfundenen Phänomenen, als Angebot zu mehrdeutigen und vielschichtigen Entdeckungen. Eine Ambiguität, die dem Betrachter Sehnsucht, Illusion von Weite und Endlosigkeit erlaubt.
Utopien, die bereits latent vorhanden, den Spuren und Fährten folgen wollen, die in jedem angelegt sind. Durch die Bilder von Nikolaus von Georgi geraten sie in Schwingung.
Essen im November 1991
Jörg Miszewski
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