Berufungsvorlesung
Fachvortrag im Bibliothekssaal der Universität Essen GH Fachbereich 4 (Folkwang), 14. Dezember 1995
Ausschreibung
Universitätsprofessur (C3) "Zeichnerische Darstellung und Gestaltung" (Nachfolge Prof. Paul Schüllner / Prof. Otto Näscher)
Berufungsausschuss
Prof. Sabine Tschierschky (Vorsitzende), Prof. Paul Schüllner (Dekan), Prof. Nikolaus von Georgi, Prof. Inge Oswald, Prof. Coordt von Mannstein
Platzierung auf der Ministeriumsliste
1. Platz: Prof. (FH) Manfred Vogel, Fachhochschule Krefeld2. Platz: Jörg Miszewski, Nairobi
3. Platz: NN (Bewerbung zurügezogen)
Die Berufungsvorlesung wurde als Vortrag konzipiert, in dem sich Wortbeiträge (Moderation) und kurze Videosequenzen abwechseln. Sie leiten die einzelnen Filmbeiträge ein, bzw. ergänzen und verbinden sie.
Videobildfolgen:
2 Die Welt der Zeichnung und der Zeichen, ca. 4'45"
3 Die Linie als bildnerisches Mittel und Ausdrucksbewegung
Die Anordnung von Linien und Flächen zu Gestaltgefügen ca. 4'43"
4 Zeichnerische Analysen
Vom Gestaltschema zur Untersuchung von Struktur und Funktion
Analytische Untersuchungen zu Tonstufen und Farbwerten
Die zeichnerische Komposition, ca. 7'49"
5 Funktion und Ästhetik, ca. 2'26"
Impressum:
Aufnahmetechnik: outtec media, Nairobi
Schnitt und Ton: Irmtraud Hoffmann und Thorsten Bachmann, WDR Studio Nairobi
Sprecher: Hans Hübner, Afrikakorrespondent der ARD, WDR Studio Nairobi
Quellenverzeichnis der verwendeten Abbildungen als PDF Download
Fachvortrag
Zeichnerische Darstellung und Gestaltung – Konzeptionen zu Inhalt und Methodik einer zeichnerischen Lehre
1.
Vorstellung der eigenen Bildwelt
Sehr verehrte Frau Professor Tschierschky,
sehr geehrte Mitglieder der Berufungskommission,
meine sehr geehrten Damen und Herren!
Ich möchte mich zuerst und vor allem bedanken für die Einladung zu diesem Vortrag und damit für die Gelegenheit, meine inhaltlichen und methodischen Vorstellungen zum Fachgebiet zeichnerische Darstellung und Gestaltung persönlich vortragen zu können.
Mein Name ist bereits gefallen: Ich heiße Jörg Miszewski, bin 39 Jahre alt und als freiberuflicher künstlerischer Gestalter tätig. Meine Ausbildung habe ich 1989 mit einem Diplom als Kommunikationsdesigner abgeschlossen.
Meine Arbeit als freier Journalist vor und während meines Studiums habe ich aufgrund des wachsenden Umfangs im gestalterischen Arbeitsbereich eingeschränkt, aber auch aufgrund der Tatsache, dass mich Redaktionen als Rezensent zu Ausstellungen schicken wollten, in denen meine eigenen Bilder vertreten waren.
Diese Chance habe ich also vertan.
Seit 1987 bin ich ausschließlich freiberuflich tätig und verdiene meinen Lebensunterhalt durch die Vermarktung und den Verkauf meiner eigenen künstlerischen Produktion, d.h. durch den Verkauf von Bildern.
Durch diese finanzielle Unabhängigkeit war es mir möglich, auch den ein oder anderen Designauftrag zu übernehmen. Dazu zählen beispielsweise die Gestaltung einer Anzeigenserie genauso, wie etwa die Beratung zu einer Corporate Design Konzeption.
Zu diesem Bereich zähle ich aber auch die Entwicklung und Konzeptionierung von Projekten im kulturellen Bereich. Vielleicht wird jetzt deutlich, dass die vorherige Bemerkung nicht ganz so ironisch gemeint war, denn im Allgemeinen stehen für die Kultur nur schmale Budgets zur Verfügung.
Ein letztes Beispiel noch, das mit meinem derzeitigen Wohnort in Nairobi, Kenya zusammenhängt: Hier bekam ich den Auftrag des Initiativkreises Ruhrgebiet, respektive des Vereins pro Ruhrgebiet, zu einer Ausstellung ostafrikanischer Malerei und Grafik zu recherchieren und eine entsprechende Konzeption zu entwerfen.
Diese beiden Bereiche, also die bildnerische Arbeit und die konzeptionelle Arbeit zu Projekten verstehe ich nicht voneinander getrennt. Bildgestaltung, Projektgestaltung und auch Textgestaltung sind und bleiben für mich zusammenhängende Herausforderungen, denen ich mich sehr gerne stelle.
Wie sich dieser Zusammenhang in meiner eigenen Bildwelt darstellt, möchte ich Ihnen anhand einiger Beispiele zeigen. Diese Bildwelt entwickelt sich meist in thematischen Bildreihen. Ein Gedanke, ein Text, eine Landschaft bilden oft den Ausgangspunkt.
Landschaft verstehe ich dabei nicht als rein geografisch fixierte Topografie. Also nicht als Reisenotiz mit bloßem Erinnerungswert an Mexiko oder Gelsenkirchen und der Aussage "Genau da sind wir mal gewesen." Sie gibt vielmehr die Möglichkeit, vom Bild der Wirklichkeit in die Wirklichkeit des Bildes vorzudringen.
Als Methode bietet die Vor-Ort-Recherche, wie ich es nennen möchte, den entscheidenden Ansatz: Das Zeichnen vor der Naturerscheinung und ihr unmittelbares Erleben.
Vor dem Einblick in meine Bildwelt noch kurzer ein Hinweis:
Ich habe die Abbildungen zu diesem Fachvortrag in einigen kurzen Videosequenzen zusammengefaßt. Ich möchte nicht versäumen, auch an dieser Stelle dem WDR-Studio in Nairobi für die technische Unterstützung zu danken, sowie insbesondere Hans Hübner, dem Afrikakorrespondenten der ARD, der meinen Texten seine Stimme geliehen hat.
Doch nun ein kurzer Einblick in meine Bildwelt.
2.
Die Welt der Zeichnung und der ZeichenSoweit zu meinen Bildern, zur weiteren Vertiefung habe ich einige Originalarbeiten hier ausgestellt.
Ich habe diese Bildwelt vorgestellt als Beispiel einer individuellen Sicht, als meine persönliche Arbeits- und Vorgehensweise. Ich bin mir dabei sehr wohl bewußt über die Vielfalt und die Breite des Spektrums von künstlerisch-gestalterischen Aussagen und Stilistiken.
Ich sehe in dieser Vielfalt die Bestätigung und nicht die Zertrennung von vorhandenen Gemeinsamkeiten in der künstlerisch-gestalterischen Arbeit allgemein. Aus der Sicht dieser Gemeinsamkeiten möchte ich meine eigene Bild- und Berufserfahrung auch mit einer zeichnerischen Lehre verknüpfen.
Lassen Sie mich bitte dazu einige grundlegende Anmerkungen machen:
Die Bekanntschaft und Beschäftigung mit der Vielfalt und den Unterschiedlichkeiten der Zeichnung in Funktion, Genre und Stilistik erachte ich als unbedingten Bestandteil einer Ausbildung wie des späteren Berufslebens.
Diese permanente Auseinandersetzung verschafft u.U. Einsichten in eingefahrene Sicht- und Darstellungsweisen, die vielleicht kritiklos übernommen wurden. Sie dient auch der Standortbestimmung der eigenen Arbeit.
Gestaltung ist verbunden mit dem Willen zur Kommunikation, sie begleitet oder initiiert Kommunikationsprozesse, das Beschreiten eines Weges von einer Intention zur Rezeption. Die Verfahren bei der Entwicklung einer Gestaltungsidee sind ebenfalls individuell verschieden. Von einem methodischen Vorgehen bis hin zum Experiment. Intuition und Intellekt sind m.E. dabei kein Widerspruch, sondern fördern gerade in ihrer Zusammenarbeit produktives Denken.
In der Lehre erachte ich erachte es darüberhinaus als notwendig, über die bloße Vermittlung von Information und Kenntnissen hinaus Einsicht zu ermöglichen. Einsicht, als aktiver Blick hinein in Begründungen, Zusammenhänge, Kausalbeziehungen, als Selbsterfahrung, durch Ausprobieren. Einsicht und Motivation sind eng miteinander verbunden. Man mag es Hingabe nennen oder Leidenschaft - die Freude am Gestaltbild und am Gestalten selbst rührt auch her von der Einsicht und der Identifikation mit einer Idee oder Aufgabe. Diese Identifikation ist m.E. bereits eine professionelle Qualität.
Horst Janssen kommentierte einmal zu seinen Radierungen: "Vor jedem Ruck und jedem Zuck steht der Willensentwurf, just genau dort zu rucken und zu zucken, wo's dann eben ruckt und zuckt." Der Weg vom Rucken bis zum Zucken in der zeichnerischen Lehre führt über mehrere Stationen: Von der Bekanntschaft mit den Darstellungsmitteln und -möglichkeiten hin zur Entwicklung von eigenständigen, adäquaten und individuellen Gestaltungslösungen.
In der FAZ vom 5. März 1994 war zu lesen: "Talent ohne Handwerk hat keine Zukunft. Handwerk kommt aus dem Kopf" und sei fern jeder "Genie- und Selbstverwirklichungsästhetik." Der Artikel bekannte sich zum "Prinzip Handwerk" in der Literatur, Musik, Architektur und Kunst. Karl Valentin würde wohl seinen Kunstbegriff beisteuern und dazu sagen: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit."
Wie immer man dazu stehen mag: Die handwerkliche Beherrschung der gestalterischen Mittel, die Aneignung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, jenseits von Artistik und Routine, zähle ich zu den Inhalten und Zielen einer zeichnerischen Lehre im Fachbereich Gestaltung. Und auch das bedeutet Arbeit.
Dazu zählen das zeichnerische Formen, die Entwicklung des visuellen Gedächtnisses und der Denk- und Abstraktionsfähigkeit hin zu anschaulichem Denken, dem Schlüsselbegriff künstlerisch-gestalterischen Tuns.
Dazu gehört auch die Verbindung von wissenschaftlichem und künstlerischem Denken. So könnte es schließlich heißen: Designo (describo) ergo sum, ich zeichne also bin ich. Herr Descartes möge es verzeihen. Dennoch sollte die kreative Erfindung in ihren Anteilen wissenschaftlicher und künstlerischer Herkunft nicht vom Cogito zerkaut und zerteilt werden; in ihr werden beide Bereiche zugleich wirksam.
Künstlerische Gestalter sind keine Ästhetik-Ingenieure, die lediglich klare Handlungsanweisungen ausführen, sondern künstlerische Persönlichkeiten. Eine Lehre kann ihnen begleitende Unterstützung sein, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Gestalterische Intervention, die kritischer Reflexion entspringt steht immer auch in Beziehung zu der Persönlichkeit des Schaffenden. Oder wie Max Burchartz es sagt: "Geschaffene Gestalt spiegelt Wesenszüge ihres Gestalters." Die Vielfalt der Stilistiken und Funktionen der Zeichnung spiegelt die Vielfalt der Intentionen wider - aber auch die Vielfalt der Individualitäten ihrer Verfasser.
Im Folgenden ein kurzer Einblick in die Welt der Zeichnung und der Zeichen.
3.
Die Linie als bildnerisches Mittel und AusdrucksbewegungDie Anordnung von Linien und Flächen zu Gestaltgefügen
Die Auswahl der vorgestellten Abbildungen ist gewiss nicht umfassend und sollte beispielhaft die angesprochene Unterschiedlichkeit und Vielfalt anzeigen. Von der Zeichnung als gestalterisch-schöpferische Laborarbeit bis hin zur in sich abgeschlossenen kommunikativen Einheit.
Fasst man das Bildnerische auf als visuelle, als sichtbare Sprache, dann können wir von bildsprachlichen Mitteln reden, von ihrer Verknüpfung durch eine Grammatik, von Semantik und Syntaktik. Das Wissen um diese Kategorien allein bedeutet jedoch keinesfalls eine Methode für gelungene praktische Versuche. Diese Begriffe sind bei weitem keine Kompositionsanleitung.
Die Kenntnis der Grammatik jedoch gehört zum Handwerk, auch des Gestalters. Das Wissen um bildsprachliche Darstellungsmittel und ihre Gesetzmäßigkeiten kann dazu beitragen, die Kritik auch gegenüber den eigenen Bildversuchen zu systematisieren und wortsprachlich zu fassen.
In Bezug auf Inhalte und Methodik einer zeichnerischen Lehre liegt mir an der Feststellung, dass Regeln kein Gefängnis sein sollten, um Johannes Itten zu zitieren, sondern frei machen sollen von Unsicherheit und schwankenden Empfindungen. Ich denke aber, dass es darüberhinaus möglich ist, in der Beschäftigung mit den Bildmitteln und -gesetzen immer wieder Gelegenheiten aufzuspüren, um die Phantasiekräfte anzuregen, Anlässe für die selbständige und eigenschöpferische Auseinandersetzung zu erhalten.
Überlegungen zur Linie als elementares bildnerisches Mittel der Zeichnung möchte ich Ihnen in der nächsten Bildreihe vorstellen. Linie als eigenständige Ausdrucksbewegung, in ihrer Beziehung zur Fläche, sowie in ihren Funktionen innerhalb komplexer Gestaltgefüge.
Die hier thematisierte Beschäftigung mit der Linie erachte ich bereits als wichtiges Element der zeichnerischen Grundlagen. Sie soll Aussagen über die Linie gewissermaßen auf den Punkt bringen.
4.
Zeichnerische Analysen– Vom Gestaltschema zur Untersuchung von Struktur und Funktion
– Analytische Untersuchungen zu Tonstufen und Farbwerten
– Die zeichnerische Komposition
Die gezeigten Bildbeiträge sind natürlich nicht eigens dazu erfunden worden, um meine Ausführungen zu illustrieren. Der Ihnen zur Verfügung stehende Bildnachweis gibt darüber Auskunft.
Durch Auswahl und Reihenfolge habe ich den Bildern jedoch eine gewisse Aufgabe zugewiesen - ich bitte die Kunstgeschichte um Verständnis. Die Bilder sind gewiss weit darüber hinaus betrachtungs- und interpretationswürdig. - Und sie sind dabei selbst bereits zeichnerische Darstellungen und Gestaltungen.
Ich betone das auch aus dem Grund, um deutlich zu machen, dass das zeichnerisch Darstellbare nicht allein gegenständliche Objekte oder Naturerscheinungen umfasst, wie die angeführten Bildargumente zeigen.
Zeichnerisch darstellbar sind auch explizit nicht sichtbare Erscheinungen, Phänomene, die eben erst durch Zeichnung sichtbar gemacht werden: Funktionale Zusammenhänge, Begriffe aber auch Gefühle oder Atmosphären, Stimmungen können Gegenstand der zeichnerischen Auseinandersetzung sein. Nicht sichtbare Phänomene werden schon bei der Wahrnehmung einer sichtbaren Naturerscheinung wirksam, ihr jenseits der Oberfläche innewohnende Strukturen, Funktionen oder Bewegungen.
Das Erfassen und zeichnerische Umsetzen der Gesamterscheinung in Naturstudium, Objekt- oder Sachdarstellung ist ebenfalls nicht allein der Optik verpflichtet oder bewegt sich ausschließlich an der Oberfläche entlang. Das zeichnerische Eindringen in die Gegenstandsform bedeutet eben nicht Nachahmung oder Wiederholung, sondern ist geistige Durchdringung, ist "schöpferisches Verhalten gegenüber der Natur", wie es Gottfried Bammes beschreibt.
Nach der Beschäftigung mit der Linie zählt die Auseinandersetzung mit der zeichnerischen Analyse der Gegenstandserscheinung zum Kernbereich der zeichnerischen Grundlagen. In diesem Zusammenhang erfährt die Linie zudem eine bislang nicht erwähnte Aufgabenstellung:
Zeichnung als analytisches Verfahren und die an ihm beteiligte Linie als Instrument der Untersuchung. Die Anforderungen an die Beobachtungsgabe und an das Darstellungsvermögen gehen dabei Hand in Hand. Zunächst die Untersuchung des Formenkanons, der Tektonik. Der Struktur, Bewegung und Funktion. Dann die Untersuchung von Tonstufen und Farbverhalten. Und schließlich die Erkenntnis, dass die Anlage im Format, der erste Strich bereits eine kompositorische Entscheidung darstellt.
Die folgenden Bildreihen sollen diese Überlegungen veranschaulichen und ergänzen.
Ich möchte die bisher angestellten Betrachtungen im Hinblick auf die Struktur und den Aufbau einer Zeichenlehre zusammenfassen:
1. Die Erprobung der zeichnerischen Mittel im Grundbereich dient auch der Schaffung eines Repertoires an Kenntnissen und Fähigkeiten, die sich - wie bereits erwähnt - jenseits von Akrobatik oder Routine bewegen, Manierismen eher entlarven und verhindern sollen. Der im Sinne einer Idee, Intention oder Aufgabenstellung adäquate Einsatz der zeichnerischen Mittel wird erprobt im schöpferischen Prozess von Entwerfen, Beurteilen, Verwerfen oder Umgestalten.
2. Die analytischen Zeichenverfahren dienen neben ihrer Forderung an das Wahrnehmungs- und Darstellungsvermögen auch der Entwicklung des individuellen Ausdrucks und einer persönlichen Handschrift.
3. Die Anwendung der zeichnerischen Darstellungsmittel in Konzeption und Entwurf zu komplexeren Themen- und Aufgabenstellungen baut auf den Erkenntnissen und Lehrzielen des Grundlagenbereiches auf. Bildnerisches Formulieren und bildnerisches Argumentieren sind anschauliches Denken. Die Lehre entwickelt sich dabei methodisch und didaktisch aufbauend anhand von Aufgaben- oder Themenstellungen.
Ob bei Übungen zur Linie, zur Perspektivbeschreibung oder Formenanalyse, oder bei komplexeren Konzeptionen und Entwürfen: Die Vermittlung erfolgt über die Beurteilung im Gegenüber mit dem zeichnerischen Ergebnis und seinem Verfasser, im visuellen Vergleich, im Gespräch, in der Korrektur.
Ich stelle das heraus, weil es gewissermaßen die "Nahtstelle" der Vermittlung und damit äußerst bedeutsam ist. In meinen bisher erfolgten Ausführungen ist bereits der ein oder andere Hinweis, sowie ein Vokabular verwendet worden, das sich auch im Korrekturgespräch wiederfinden dürfte. Doch diese Begriffe allein stellen noch keine Kriterien dar.
Die Feststellung, dass die Qualität einer Zeichnung in ihr selbst begründet liegt, zeigt an, dass sich die Kriterien zur Beurteilung in der Anschauung einer Zeichnung und im visuellen Vergleich ergeben und begründen. Insofern will ich hier nur allgemeine Bemerkungen dazu anführen: Warum ist eine Zeichnung gelungen oder verbesserungswürdig?
Am einfachsten erschiene es noch, wenn man die Abbildrichtigkeit der Zeichnung anhand des realen Objektes überprüfte. Wir alle kennen das Entzücken in der Feststellung, eine Zeichnung sei "fast so gut" wie eine Fotografie.
Aber das ist gewiss nicht die ganze Wahrheit. Max Liebermann hat als Juror zu einer Ausstellung auf den Einwand seines Kollegen über die angebliche "Unrichtigkeit" eines in der Darstellung zu lang proportionierten Armes erwidert, der kritisierte Arm sei so gut gemalt, der könne gar nicht lang genug sein. Die Abbildgenauigkeit ist sicherlich nicht das alles Entscheidende, dieses eher technische Problem gilt es als solches zu begreifen und zu überwinden.
Man kann beispielsweise einen Apfel so realistisch zeichnen, als rollte er gleich vom Papier. Entscheidend bei jeglicher Art der Darstellung ist meiner Ansicht nach, warum er rollt, und wenn er denn rollt, wohin er rollt. Der Zeichner entscheidet durch den Einsatz seiner darstellerischen Kenntnisse und Fähigkeiten die Richtung - gemäss seiner Intention. Die Überprüfung der Ikonografie und des Bedeutungsgehaltes innerhalb einer zeichnerischen Lösung, der Lesbarkeit, der Semantik und Syntaktik der verwendeten Elemente im Abgleich mit einer Aufgabenstellung oder Mitteilungsabsicht erachte ich dabei sehr wohl als mögliches Kriterium.
Über diesen eher funktionalen Abgleich hinaus halte ich die Originalität, die Eigenständigkeit, den Einfallsreichtum, der sich in einer Zeichnung mitteilt, für einige der wichtigsten Qualitätsmerkmale. Gehalt und Stilistik sind untrennbar und wurzeln in der Persönlichkeit des Gestalters.
5.
Funktion und ÄsthetikEin letzter Bildbeitrag.
Er greift die Vielfalt aus der "Welt der Zeichnung und der Zeichen" vom Anfang meines Vortrages wieder auf, ordnet sie jedoch zu Funktion und Ästhetik. Zeichnung im Arbeitseinsatz und im Gestaltungskontext, ihr Mitteilungsbedürfnis nach außen und das Außen selbst: Das Lebenserleben findet jenseits bildnerischer Gesetze statt.
Das Lebenserleben findet auch außerhalb akademischer Regeln statt. Ein Bezugspunkt für das Warum und Wofür. Wissenschaft, Kunst, Design. Das tägliche Streben, das Gelingen und auch das Scheitern gehören dazu. Das Lebenserleben als Anreger, als unbegrenzter Fundus von Möglichkeiten - es ist Inhaltsgeber und Adressat zugleich.
Lassen Sie mich bitte kurz vor Schluss meiner Ausführungen noch eine kurze persönliche Anmerkung machen:
Das Abenteuer Gestaltung, seine Herausforderungen, schlichte Neugier, das ungeteilte Interesse an der Sache, an der Diskussion, die Freude am Neuen und an Überraschungen ebenso wie die Lust am Zweifel, Toleranz, aber auch Konsequenz aufgrund der eigenen Erkenntnis und Erfahrung und nicht zuletzt der Spaß am Austausch und an der Vermittlung sind der Grund, warum ich meinen Beruf ausübe und der Anlass, warum ich heute überhaupt hier stehe.
Schließen möchte ich mit einem Zitat von Ernst Jandl. Ich weiß, Jandl kann man nicht zitieren, Jandl muss man jandln - aber dennoch liegt mir an diesem seinem Gedanken:
"Ich war jung und dumm, ich bin alt und dumm,
ich entkleide mich vor Publikum, plötzlich sind alle stumm."
Soweit Ernst Jandl - und zu meiner Beruhigung hat es mal wieder funktioniert. Das Entkleiden hat stattgefunden, bis zu einer gewissen Schamgrenze versteht sich.
Ich möchte Sie jetzt aus der Verurteilung zur Stummheit entlassen mit dem herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Danke schön.
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