Zu den Gemälden und Zeichnungen von Josef Hegemann
Vortrag und Einführung in die Jubiläumsausstellung zum 80. Geburtstag, Stadtgalerie Altena
Meine sehr geehrten Damen und Herren, lieber Josef Hegemann, ich möchte mich gerne in die Schar der Gratulanten einreihen und Josef Hegemann die herzlichsten Wünsche zu seinem 80. Geburtstag aussprechen. Und insbesondere verbinde ich damit Wünsche für Gesundheit und Kraft für viele weitere Jahre künstlerischen Schaffens.Künstlerisches Schaffen, das sein Leben bis zum heutigen Tage prägt. Ein Leben, aus dem wiederum die Bilder hervorgegangen sind, von denen wir einige der neuesten in dieser Ausstellung sehen.
Dieser Tag, dieser erste April 1990 ist also ein Tag, der es in sich hat, wie wir gehört haben, ein Tag der Anlässe:
Zum einen der Anlass, dass Josef Hegemann vor ziemlich genau achtzig Jahren gewissermaßen in den April geschickt worden ist. Zum anderen der Anlass einer Ausstellung mit Malerei und Zeichnung aus verschiedenen Epochen.
Josef Hegemann hat mich gebeten, eine kleine Einführung zu dieser Ausstellung zu geben und ich komme dieser Bitte gerne nach.
Ich habe mich dazu sicherheitshalber noch einmal kundig gemacht über das Verfassen von Texten zu Bildern und stieß auf einige humorvolle Anregungen von Umberto Eco. Er gibt in einer profunden Glosse eine Reihe von satirischen Hinweisen für den "AvoKaVo", die sich sicherlich auch auf einen Redner übertragen lassen.
"AvoKaVo" ist seine Abkürzung für Autor von Katalog-Vorworten, Eco teilt sie je nach Provenienz in bestimmte Typen ein.
Ein Lyriker beispielsweise könnte den hier gezeigten Bildern ein Gedicht widmen, das bei entsprechender Begabung eine blendende Lösung für den Redner wie für den Künstler und den künftigen Käufer darstellte. Ich werde jedoch in allseitigem Interesse darauf verzichten.
Ebenso verzichte ich auf einen metaphysischen Ansatz, der dann ausgiebig umschreibt, Kunst sei Energie. Weil eben alles Seiende Energie ist. Und diese Aussage somit zumindest keine Unwahrheit.
Eine andere Möglichkeit sieht Eco beim episch begabten Rezensenten, der sich etwa in Form eines offenen Briefes an die Zuhörerschaft wendet, der wie folgt lauten könnte:
"Lieber Josef Hegemann, beim Anblick Ihrer Farb- und Formenwelten ist mir, als wäre ich unversehens in Uqbar. Laszivitäten, um 180 Grad umgewendet - wird es uns jemals gelingen, uns von der Notwendigkeit zu befreien? Es war ein Aprilmorgen im sonnenglänzenden Sauerland, am Telegrafenmast aufgehängt ein Partisan. Jung wie ich war, bekam ich Zweifel am Wesen der Norm..."
Ein wissenschaftlich geschulter Sprecher, brauchte nur von sehr profunden Aspekten der Realität zu sprechen, zu denen unzweifelhaft die Annahme zählt, das auch gemalte Bilder Elemente der Realität sind.
Schließlich benennt Eco die Lage des professionellen Kunstkritikers: Er könnte über das Werk sprechen, ohne sich aber über dessen Wert zu äußern. Eine bequeme Lösung besteht im Aufweis, dass der Künstler in Eintracht mit der bestehenden Weltauffassung gearbeitet hat, gewissermassen im Zeitgeist, wie man heute sagt. So könnte es lauten: "esse est percipi", um daraus abzuleiten, dass Hegemanns Werke sind, weil sie wahrgenommen werden. Der Binsencharakter dieser Feststellung mag hinter der Bestimmtheit von Ansehen und Rhetorik des Verfassers verborgen bleiben.
Ich bin Umberto Eco dankbar für diese Hinweise, mit denen man die Zuhörer auf vermeintlich intellektuelle Weise in den April schicken könnte.
Eco gibt aber damit gleichzeitig einen durchaus ernstzunehmenden Hinweis auf die Verschiedenartigkeit von Interpretationen ein und desselben Gegenstandes.
Interessant bleibt dabei festzuhalten, dass diese Verschiedenartigkeit offenbar nicht allein vom Bild, sondern von der verschiedenartigen Befindlichkeit oder Motivation des Betrachters abhängt.
Ich möchte aber mit meiner kleinen Ansprache die Bildinhalte nicht im Sinne einer sprachlichen Poetik neu interpretieren. Noch möchte ich eine Gebrauchsanweisung für das Verhalten vor dem Bilde im eben skizzierten Sinne geben.
Ich nehme in diesem Zusammenhang vielmehr eine Aussage von Josef Hegemann zum Anlass einiger, zum Teil ernster gemeinter Anmerkungen:
Josef Hegemann selbst nennt seine Bilder zeichenhaft. Zeichen, die für Erlebnisse und Erfahrungen stehen, die ihm in seinem Leben begegnet sind.
Mit der Theorie der Zeichen beschäftigt sich die noch junge Wissenschaft der Semiotik. Ich möchte einen kleinen Aspekt herausgreifen, der angesichts der Aussage Josef Hegemanns interessant erscheint.
Das ist ein Satz, der als Redewendung durchaus gebräuchlich und Ecos ironischem Zugriff noch einmal entkommen ist: "Die Bilder sprechen für sich." Ein Satz also, mit dem eine Eröffnungsrede gemeinhin endet.
Und der zum Schluss besagt, dass man dem am Anfang Gesagten offenbar nichts hinzuzufügen hatte.
Eco würde diesen Satz wahrscheinlich den Minimalisten unter den Rednern widmen. Weil sie mit ihm allein eine ganze Einführung bestreiten könnten:
"Guten Tag meine Damen und Herren, die Bilder sprechen für sich, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit."
Und wer hätte nicht am Schluss einer solchen Rede das ein oder andere Ohr riskiert. Natürlich wenn keiner hinschaute. Und nichts gehört. Es sind auch hier sehr höfliche Bilder, weil sie mir jetzt nicht dazwischenreden. Dass sie keinen Widerspruch anmelden, zeigt mir aber, dass Bilder offenbar nicht sprechen können. Denn im Zeichenprozess fällt ihnen eine ganz andere Aufgabe zu.
Es ist indessen klar, dass es sich bei dem Satz "Bilder sprechen für sich" um ein wortsprachliches Bild handelt. Es billigt Bildern Eigenschaften zu, die sie wörtlich gesehen nicht haben. Und doch ist verständlich, was damit gemeint ist. Weil wir um die Bedeutung dieses wortsprachlichen Bildes wissen, die allerdings deswegen nicht richtiger sein muss.
Im Bereich der Bildenden Kunst geht es nicht um wortsprachliche, sondern um bildsprachliche Aussagen. Und es geht um ihre Bedeutungen.
Dient diese Bild- und Zeichensprache einer eindeutigen Funktion, verhält es sich recht einfach mit den Bedeutungen: Verkehrszeichen sind eindeutig, wie jeder Strafzettel wegen Falschparkens noch nachträglich beweist.
Werden diese bildsprachlichen Elemente und Zeichen aber anders strukturiert, wie es etwa die freie Malerei und Zeichnung vermögen, und wie es in Josef Hegemanns Bildern geschieht, können sie die ganze visionäre Kraft der Dichtung entwickeln. Sie werden Ausdruck des anarchischen Stroms der Phantasie.
Oder sie nehmen die reflexive Begegnung mit der Umwelt zum Anlass, so wie Hegemann seine Bilder fasst. Seine Bilder sind zeichenhaft. Zeichen, die für Erlebnisse und Erfahrungen stehen. Dabei jedoch haben sich Zeichen des real Erlebten im Gestaltungsprozess des Bildes zu Zeichen einer psychischen Realität des Malers gewandelt.
In der Betrachtung wiederum erscheinen diese ästhetischen Strukturen dann oft zwei- oder mehrdeutig, d.h sie fordern den Anteil des Betrachters bei der Beantwortung der ebenso berühmten wie ungeduldigen Frage, was uns der Künstler denn nun sagen will? Emil Schumacher meinte kürzlich in einem Interview: "Bilder müssen Fragen aufwerfen und so Interesse anziehen." Hegemanns Bilder fordern einen aktiven und - wie er selbst sagt - einen zur Symbolform hinneigenden Betrachter.
Das Bild ist dabei nicht ein beliebiger, unbestimmter oder austauschbarer Reiz. Denn, bevor das Bild ein Feld möglicher Bedeutungen wird, die ihm der Betrachter abgewinnt, war das Bild bereits ein Feld getroffener Entscheidungen, nämlich der des Künstlers.
In Hegemanns Bildern erschließen sich Bedeutungen, wenn man ihre visuellen Qualitäten untersucht. Farbräume, Liniengeflechte, Hell-Dunkel-Rhythmen, Harmonien und Kontraste im bereichernden Konflikt zur eigenen visuellen Erlebniswelt.
Es ist ein Sehen, nicht als Zuschauer, sondern als aktive Teilnahme an dem Prozess, der als Kommunikation einen aktivierten oder sensibilisierten Betrachter erfordert.
Wenn Josef Hegemanns Bilder für sich sprechen, dann könnte das heißen, dass sie sich selbst mitteilen - und nicht etwa einen konkreten Urlaubsaufenthalt im Schwarzwald. Der Betrachter kann sich der Deutung oder Empfindung stellen, anhand der Zeichen, die ihm der Maler Josef Hegemann mit dem Bild auf den Weg gibt.
Darin erst erfüllt sich auch die These "Kunst ist Kommunikation", ob sie nun auf der geistigen oder auf der Empfindungsebene stattfindet. Jeder Teilhaber am kommunikativen Prozess hat seine Aufgabe bei seinem Zustandekommen: Der Maler, das Bild, der Betrachter. Josef Hegemann macht uns mit seinen Bildern ein Angebot.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Altena am 1. April 1990
Jörg Miszewski
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