"Margarete G. Platzer - Zeichnungen"

Vortrag und Einführung zur Ausstellung der Künstlerin Margarete G. Platzer, Düsseldorf, im Kunstforum Gummersbach

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich beginne meinen Vortrag gleich mit einem Missgeschick, einem rhetorischen Fehler, indem ich sage, was ich Ihnen nicht mitteilen werde. Ich möchte nämlich keine Gebrauchsanweisung oder Bildbeschreibung geben. - Oder die hier gezeigten Themen im Sinne einer sprachlichen Poetik neu interpretieren.

Ich möchte Ihnen vielmehr eine Überlegung vorstellen, die auf den ersten Blick nichts mit dem zu tun zu haben scheint, was uns hier zusammenführt. Es handelt sich dabei um ein Kommunikationsproblem. Um die Frage nämlich: Wie können wir uns mitteilen, und zwar derart, daß unsere Botschaften auch nach einer geraumen Zeit noch verständlich sind? Ich möchte diesen Zeitraum nicht zu knapp bemessen, nehmen wir etwa 10 000 Jahre an, nach denen eine von uns heute formulierte Aussage noch verstanden werden soll.

Angesichts des wissenschaftlichen, technologischen Fortschrittes und ausgestattet mit einem zeitgemäßen Optimismus sollte ein solches Problem lösbar erscheinen.

Sprachwissenschaftler gehen jedoch davon aus, daß keine heute gesprochene Sprache hunderte von Jahren in verständlicher Form übersteht. Eine denkbare Lösung wäre die Schaffung von Mythen. Mythen, die Jahrtausende überdauern können und in ihrem Kern die gewünschte Botschaft enthalten. In jedem Falle gälte es Zeichen zu entwickeln und zu verwenden, deren Decodierung, deren Lesbarkeit und Entschlüsselung auch nach Tausenden von Jahren noch möglich sein müsste.

Für die räumliche Ausstattung könnte man folgendes Szenario entwerfen: Auf einem Plateau, umgeben von Erdwällen entsteht ein zentraler Platz mit meterhohen Obelisken. In diese Obelisken sind neben anderen Informationen auch Zeichnungen von der menschlichen Gestalt bei der Verrichtung irgendwelcher Tätigkeiten eingraviert. Zur Wahrung des Ortes, der Botschaften und ihrer Deutung wird ein Komitee berufen, daß turnusmäßig nach mehreren Generationen das gesamte Informationssystem recodiert und in eine zu diesem Zeitpunkt verständliche Form bringt.

Außerdem haben diese Komitees die Aufgabe, die künstlichen Mythen zu schaffen und am Leben zu halten, mit denen die Sinngebung des Ortes breitenwirksam kommuniziert werden soll. Die letzte Idee scheint schon aus historischer Sicht notwendig, da beispielsweise die Bedeutung von Stonehenge heute niemand mehr zu ergründen vermag - bereits nach erst viereinhalb tausend Jahren.

Vielleicht werden Sie sich fragen, welche Relevanz diese Überlegungen angesichts der immensen Zeiträume für uns heute Lebenden haben sollten, dazu noch im Zusammenhang mit einem Kommunikationsproblem?

Zur Beantwortung dieser Frage möchte ich die Urheberschaft dieser Gedanken aufklären: Es handelt sich dabei um das Ergebnis einer ernsthaften, wissenschaftlichen Studie, die 1980 von der amerikanischen Regierung in Auftrag gegeben wurde.

Sie galt der Überlegung, wie menschliches Eindringen in atomare Abfalllager verhindert werden kann, da sich das Wissen um sie und ihre Gefährlichkeit im Verlauf der Jahrtausende verlieren könnte. Denn es sind Lager, deren Potenz bereits mit dem bis heute angefallenen Atommüll weit länger als 10 000 Jahre tödlich wirksam bleiben wird.

Über diesen atomaren Endlagerstätten sollten nach Meinung der internationalen Kommunikationsexperten die soeben beschriebenen Anlagen errichtet werden. Die Zeichnungen auf den erwähnten Obelisken sollen dabei sterbende Menschen darstellen - gewissermaßen als "Warnungen an die ferne Zukunft", wie es in einem gleichlautenden Buch beschrieben steht.

Ich bin weit davon entfernt, Margarete Platzers Zeichnungen für diese Aufgabe zu empfehlen. Nicht nur weil das angesichts der erwähnten Zeiträume etwas spekulativ erscheint. Vielmehr unterscheidet sich die zu fordernde Funktion der Obeliskendarstellung grundlegend von der einer künstlerisch angelegten Zeichnung:

Während die im Beispiel geforderte Darstellung ihre Funktion in der Übermittlung einer möglichst eindeutigen Botschaft zu suchen hat, nutzt eine künstlerisch angelegte Zeichnung gerade ihre ästhetischen Ambiguitäten, ihre Mehrdeutigkeiten.

Dennoch erscheinen mir einige gedankliche Verknüpfungen mit dem eingeführten Beispiel naheliegend. Ich habe es gewählt, um einige Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszustellen.

Auf die Unterschiedlichkeit in der Funktion der Zeichnungen habe ich gerade hingewiesen. Eine Gemeinsamkeit zwischen dem Beispiel und den hier gezeigten Bildern mag darin bestehen, dass es sich in beiden Fällen um Visionen handelt. Auf der einen Seite um eine wissenschaftliche Vision, die ihren Ursprung in rationalen Überlegungen hat. Und auf der anderen Seite um eine künstlerische Vision, die dem anarchischen Fluss der Phantasie entspringt und durch ihre kreative, künstlerische Bearbeitung ein gestalterisches Maß erfahren hat.

Auf der einen Seite haben wir ein in seinen Ausformungen archaisch anmutendes Szenario, das faszinierend und irrwitzig zugleich erscheint. Faszinierend, welche Fragestellungen und Lösungen die wissenschaftliche Forschung verfasst, indem sie Projekte für unvorstellbar weite Zeiträume entwirft.

Irrwitzig, weil eine andere Technologie, eine wenige Jahrzehnte junge Technologie die Probleme erst geschaffen hat, die sich auf Jahrzehntausende stellen werden.

Auf der anderen Seite haben wir Bilder von einer "bestürzenden Schönheit", wie Francoise Jaunin anläßlich einer Ausstellung schrieb. Schönheit, zeichnerische Ästhetik mit zarten Tonigkeiten und filigranen Schraffuren und Farbverläufen. Und doch zugleich bestürzend angesichts der Inhalte, der Betroffenheiten, die Margarete Platzer thematisiert. Und doch bedeuten Ikonografie, also der Einsatz der bildnerischen Mittel und die Bedeutungsebene keinen Gegensatz. Denn wie in aller bildnerischen Gestaltung bestimmt die Form den Inhalt und der Inhalt bedingt die Form.

Nicht die Bilder sind beängstigend, sondern sie greifen zurück auf angstvolle Erfahrungen, auf elementare Bedrohlichkeiten, deren Erinnerung der Betrachter in die Begegnung mit ihnen einbringt. Wenn er selbst es zulässt.

Für Margarete Platzer sind elementare Ängste ein Aspekt der Motivation zu ihrer künstlerischen Arbeit. Um sie begreifbar zu machen. Um sie vielleicht dadurch zu bewältigen, dass sie diese Ängste sich und anderen mitteilt.

Mitteilung ist Herstellen von Gemeinsamkeit, und das ist etwas sehr Positives und Wertvolles gerade bei diesen Bildern. Aber an diesem Prozess hat auch der Empfänger der Mitteilung, der Betrachter seinen Anteil. Analog zum Eingangsgedanken könnte er so die Bilder als "Warnungen an die nahe Zukunft" deuten. Besser jedoch Analyse einer psychischen Realität, die gegenwärtig ist. Und die in ihren Empfindungen nicht weniger real und wahrhaftig ist als jede wissenschaftliche Erkenntnis.

Die allerdings nur allzu gern verdrängt wird.

Doch es dabei zu belassen hieße, diese Arbeiten wieder auf eine funktionale Ebene zu verkürzen. In einer Zeit, die eindeutige Antworten auf eindeutige Fragen fordert, mag das der bequemere Weg sein. Jedoch gerade in den Mehrdeutigkeiten der ästhetischen Formulierung, in den Offenheiten der Bilder begegnet uns der scheinbare Widerspruch zwischen Faszination und Betroffenheit wieder. Scheinbar, weil er keine Antinomie in der Zeichnung ist, sondern allenfalls einen Widerspruch in uns bedeutet.

Goethe formulierte diesen Zusammenhang in einem heiteren, kurzweiligen Vers. Er schrieb: "Was im Leben uns verdrießt, man im Bilde gern genießt." Unsere Umwelt und unser Zusammenleben halten dafür sicherlich manche Beispiele bereit. Einigen von ihnen, den ernsteren, widmet Margarete Platzer ihre Themen. Sie stellt Fragen und sie stellt infrage. Fragen durch die Dialektik der analytischen Linie im Zusammenklang mit der Poesie, der Dichtung malerischer Texturen.

Künstlerisches Schaffen ist eine Entäußerung, eine Objektivation und damit ein Mittel zum Erfassen und Erkennen dieser Welt. Die Wissenschaft versucht mit objektiven Meßmethoden die Welt zu erklären. Doch wenn uns Andreas Gryphius in kraftvollen Metaphern von der Grausamkeit des Krieges erzählt, gelangt man nicht durch das Abzählen des Versmaßes hinter das Geheimnis seiner ästhetischen Qualität und Wirkung.

Künstlerisches Schaffen und das Entdecken des künstlerisch Geschaffenen ist ein Erkenntnisprozess, der über die Selbsterkenntnis führt.

Margarete Platzer macht uns mit ihren Bildern auch davon Mitteilung und zugleich das Angebot, diesen Weg zu beschreiten. Und durch diese Mitteilung verrät sie zugleich von Widersprüchlichkeiten und von der Sehnsucht nach Gemeinsamkeit.

Ich bedanke mich bei ihr für dieses Angebot, von dem ich Sie nicht länger abhalten möchte. Zuvor jedoch bedanke ich mich bei Ihnen für Ihre Geduld und Ihre Aufmerksamkeit.

Vielen Dank.

Jörg Miszewski,
Gummersbach im Januar 1991

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