Künstlerverein Malkasten KVM Düsseldorf
Aus den Malkastenblättern
Jörg Miszewski war von 1990 bis 1992 Vorstandsmitglied des Künstlervereins Malkasten KVM Düsseldorf. Er übernahm in dieser Zeit die Redaktionsleitung der Vereinszeitschrift "KVM Malkastenblätter" und verfasste und veröffentlichte dort unter anderen die folgenden Texte:
Vereinszeitschrift des Künstlervereins Malkasten KVM Düsseldorf
Ausgabe Nr. 12 / 1990
Düsseldorfer Kulturwunschzettel
Warten auf den Weihnachtsmann
Während die Kulturbanausen den Unverbesserlichen (hier synonym für Kulturschaffende) "gute Besserung" wünschen, und damit die Krätze an den Hals, sind die Kulturoptimisten naturgemäss wunschlos glücklich, und die Kulturpessimisten naturgemäss wunschlos unglücklich. Die Querulanten wünschen sowieso nicht, sie finden (frei nach Picasso).
Die Düsseldorfer Kunstszene hingegen wünscht, es gäbe sich. Die Kunstkonsumenten haben, was sie brauchen, die Kunstschickeria braucht, was sie kriegen kann. Beide jedoch, sofern nicht identisch, wünschen sich neue Terminkalender und Visitenkärtchen und gegebenenfalls einen neuen Coiffeur / Chauffeur / Souffleur (je nach wem).
Die Mäzene wünschen viel Erfolg, die Sponsoren wünschen prägnantere Firmensignets. Sammler wünschen sich ein paar neue Wände, Kunstliebhaber wünschen sich Kunst zum Liebhaben. Kunsttheoretiker wünschen sich praktisch schon lange, dass mehr gedacht und weniger gemalt wird. Manch einer von ihnen brütet noch über seinem Wunschzettel, andere legen das Wunschschreiben aus den Vorjahren in überarbeiteter Fassung vor.
Die Düsseldorfer Künstlervereine hatten einmal drei Wünsche frei - der Wunschzettel soll im Fundament des alten Kunstpalastes eingegossen worden sein. Man sucht bald danach. Derzeit wünschen sie sich mehr Resonanz. Der Kunstverein wünscht sich mehr Rasanz. Wer wünscht sich - pardon - was wünscht sich Herr Ranz ?
Oberstadtdirektor Ranz wünscht sich entsprechende Fragen vor seine Antworten. Der Kulturdezernent wünscht allen alles, alles Gute. Der Rat wünscht, unterrichtet zu werden. So mancher Bürger wünscht, der Rat wäre es. Die Fraktionen wünschen sich derweil eins nach dem anderen, und das am besten auf einmal.
Die Presse wünscht sich gute Kritiker, die sich wiederum eine gute Presse wünschen, und viele viele Wunschvorstellungen, über die man sachlich berichten kann.
Die Kunstakademie wünscht sich Akademiekünstler, die wiederum auf gar keinen Fall akademische Kunst wünschen. Herr Lüpertz wünscht sich vielmehr einen italienischen Maßanzug. Ansonsten lässt er wünschen. Herr Immendorf wünscht prinzipiell nicht, Herr Immendorf will. Immerhin: Er lässt damit einiges zu wünschen übrig.
Die Galerien haben über Weihnachten sowieso geschlossen und wünschen schöne Feiertage. Alles andere ist Geschäftsgeheimnis. Die Sache mit der Wünschelrute war eher ein Gerücht, das nach der Kunstmesse "Forum" aufkam.
Der Malkasten wiederum weiß gar nicht, was er sich zuerst wünschen soll. Zwar heißt es, der Ausstellungsausschuss wünscht weniger Ausschuss bei den Ausstellungen. Und der Schatzmeister wünscht sich ein bestimmtes Buch von Stephenson. Festzustehen scheint, dass sich die Künstler als Ordentliche Mitglieder wünschen, sie wären ganz außerordentlich, während die Außerordentlichen Mitglieder wünschten, sie hießen nicht so, weil sie doch so ordentlich sind.
Der Vorstand wünscht sich einen Weihnachtsmann. Der Vorsitzende wünscht sich, dass die Mitglieder ihm vertrauen. Die Künstler wünschen sich ein neues Schaukelpferd.
Vereinszeitschrift des Künstlervereins Malkasten KVM Düsseldorf
Ausgabe Nr. 2 / 1990
Was können uns Bienen schon sagen?
Von Künstlern und anderen Tieren
Bei genauerer Untersuchung der Fragestellung lassen sich denn auch eine Vielzahl von Hinweisen ausmachen, die auf eine anscheinend tief verborgene Dialektik hinweisen.
Das W a s dessen, das uns der Künstler sagen will, korrespondiert dabei lediglich aufgrund seiner syntaktischen Stellung mit dem Begriff s a g e n. Wobei auch die zunächst augenfällige Konjunktion der Begriffe K ü n s t l e r und w o l l e n kaum zusammenhängend erscheint, und schon gar nicht mit dem kunstheoretischen Terminus des Kunstwollens verwechselt werden sollte.
Als entscheidender kristallisieren sich die Begriffe u n s, als präpositionale Herstellung der Gemeinsamkeit von Kunstkonsumenten in Abgrenzung zu Künstlern als Tätern, und das adverbialdeterministische d a m i t heraus, welches wiederum als Distanzierung gegenüber einem zunächst nicht weiter determinierten Objekt (Objektivation !) mit dem w a s Kontakt aufzunehmen scheint.
Sehr aufschlussreich schließlich erscheint das Fragezeichen, das hinter jedem der in dieser Untersuchung analysierten Begriffspaare steht: Künstler wollen ? - Was sagen ? - Uns damit ?
Synthetisiert man diese empirischen Beobachtungen zu einer sprachlich wie grammatikalisch einigermaßen akzeptablen Form, so lautet die eigentliche Bedeutung der eingangs genannten Fragestellung im Grunde genommen: "Was ? Damit etwa will der Künstler uns was sagen ?"
Angesichts einer möglichen Sprachverwirrung kann uns (Künstlern) an dieser Stelle der kritische, journalistisch objektivierte Sachverstand weiterhelfen:
"Worte verwirren sich, Zeichen werden missverstanden. Dem Intellekt fällt da eine wichtige Aufgabe zu. Das mag jedoch für Maler schwierig sein, die auf optische Eindrücke angewiesen sind." ( Dr. Helga Meister in der Westdeutschen Zeitung "WZ", Düsseldorf)
Was will uns eine Journalistin damit sagen? Sollte man es tatsächlich den Künstlern überlassen, was sie uns mitzuteilen bereit oder in der Lage sind? Nein - angesichts einer gesamtkulturellen Verantwortung ist die Frage, ob das Huhn oder nun das Ei zuerst gewesen ist eher nebensächlich. Entscheidender ist vielmehr das Gesamte, das Omelette gewissermaßen, das heißt, wer haut die Eier zuerst in die Pfanne? Künstler? Museumsdirektoren? Galeristen, Journaillen?
Auch gesellschafts- und arbeitsmarktpolitisch sollten die Künstler hier ihre Verantwortung erkennen - und wie bisher Zurückhaltung üben. Arbeitsteilung eben: Was Kunst ist, das bestimmt nicht der Maler, sondern: L'Art c'est Toi! Oder wie es Meister-haft in der Westdeutschen Zeitung zu lesen war:
"Was nicht gezeigt und nicht in den Medien besprochen wird, das existiert als Kunst nicht." Aha. Jetzt wissen wir schon mehr.
Nebenbei: Dass dieses Zitat in der WZ als "Publikumsäußerung" gekennzeichnet ist, würde selbst ein schwedisch sprechender Ungar bei türkischem Mokka in einem spanischen Restaurant gegenüber seinem italienischen Tischnachbarn auf gut deutsch als "sophisticated" bezeichnen. Naja. Jetzt wissen wir schon wieder weniger.
Doch heißt es in der Westdeutschen Zeitung in erwähntem Zusamenhang weiter:
"Das Fett von Beuys sagt ohne Beuys nichts aus." Na also: Was sagen denn die Medien über den Filz von Beuys? Hat am Ende das Fett von Beuys etwas mit dem Filz in den Medien zu tun? Fragen über Fragen.
Es lassen sich interessante Parallelen ziehen angesichts solcherart rheinisch-journalistischem Scharfsinns, den Hans Dieter Hüsch treffgenau auf den ebenda entsprungenen Merksatz bringt: "Fünf Diakonissen töten ein Pferd." Hundertprozentig. Toxisch irgendwie. Medizinisch. Ähnlich könnte es heißen: Ein Kern ohne Frau Curie ist weich, weil außen rauh, weiß doch jeder. Und ohne Spaltung wie ein Gedicht von Petrarca (ich begrüße damit die Lyriker unter den Kernphysikern). Doch das Leben sieht anders aus. Summa summarum: Wenn alles nicht so wäre, wie es ist, dann könnte es auch anders sein. Oder andersrum genauso. Aha.
Auf die sprichwörtlich dummen Fragen kommen so gesehen eben auch oft ganz bestechende Antworten. Ja natürlich waren es Hornissen und nicht die Diakonissen, jaja. Und die Künstler treiben es halt wie die Bienen, wissen die "Düsseldorfer Hefte": "Nikolaus von Georgi hat mit den Bienen den Fleiß und die Waben gemeinsam.. Georgi ist ein Arbeitstier.. Und da haben die Honigpartikel und die Farben des Künstlers eines gemeinsam.." Aha. Bestechend wie ein Bienenstich.
Künstler sind auf das Optische angewiesen. Sie sind Hornissen, Arbeitstiere, sie sind Bienen.
Nach alldem scheint sich die Düsseldorfer Kunstkritik vor dem Kunstwerk eine grundlegende Frage neu zu stellen. Und sie lautet: "Was wollen uns die Bienen damit sagen?" Ah ja.
Und wer übernimmt die Rolle der Imker? Ist für Bienen selbst, Gott sei Dank, völlig ungeeignet.
Vereinszeitschrift des Künstlervereins Malkasten KVM Düsseldorf
Ausgabe Nr. 9 / 1990
Bilder einer imaginären Ausstellung
Es sind Bilder voller Leidenschaft und von zum Teil großartiger Erfindungsgabe. Zuweilen mit esoterischen Hintergründen, ironischen Bezügen und mit einem gewissen Biss. Bilder aus dem Leben eines Traditionsvereins.
Bei einem Gang durch diese imaginäre Ausstellung lassen sich ihre Exponate in verschiedene Gruppen einteilen. Auf der einen Seite sind es sehr deutsche Bilder, die Tradition haben, weil sie schon oft benötigt wurden. Man könnte sie auch Feindbilder nennen. Die zum Teil großformatigen Arbeiten dieses Genres zeigen je nach Autor unterschiedliche Stilistiken und Provenienzen.
Es gibt expressive und mit furiosem Stakkato gemalte Arbeiten, daneben aber auch filigrane Werke, mit spitzer Feder gestrichelt. Gemeinsam ist vielen dieser Bilder die Darstellung von kleinen Figurengruppen, Versammlungen gleich, die aber dem Auge des Betrachters verborgen bleiben. Der Maler gibt ihnen damit eine zentrale, wenn auch nicht greifbare Position innerhalb einer mehr oder weniger bedrohlichen Gesamtkonzeption.
Die Bildtitel lassen assoziieren, von welcher Programmatik oder welchem künstlerischen Impetus sie geleitet sind: "Die Umfunktionierer" zum Beispiel, oder "Konspiration am Abend", ein sehr beliebtes Motiv. Auch "Die linken Sägemüller" gehören zweifellos zu den herausragenden Feindbildern dieser Abteilung.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch Bilder mit einer positiven, bejahenden Ausstrahlung. Auch hier bilden die Titel einen Einstieg in die Thematik. Ein prächtiges Tryptichon mit der mächtigen Mitteltafel "Das war schon immer so". Ihr rechts zugeordnet "Das haben wir noch nie gemacht" und links, wie könnte es anders sein, die Tafel mit dem Titel "Da könnte ja jeder kommen". Gleichsam Maximen einer Position, die das Bewahrende in den Mittelpunkt erhebt, strahlen sie in ihrer klassischen Kompositorik eine durchaus beziehungsreiche Metaphorik aus.
Das Bild "Die Aufnahmeprüfung" wiederum begegnet dem Betrachter mit dem Ausdruck heiterer Ausgelassenheit. Vor der lachenden Aufnahmejury steht ein Kandidat, dem es mit einer pointierten Anekdote gelungen ist, die strenge Beitrittshürde zu nehmen. Freude und Geselligkeit als wesentliche Zweckbestimmungen eines zeitgenössischen Künstlervereins, finden hier Ausdruck und Gestalt.
Relativ neuen Datums ist ein Marinemotiv: Ein Kapitän auf der Brücke eines Vergnügungsdampfers, das Fahrtziel im Visier. Doch während im Kesselraum geheizt wird, lässt man im Zwischendeck Dampf ab.
Das Bild "Corpsgeist mit Florett und Degen" thematisiert die Wünsche nach kameradschaftlicher Verbindung. Die Komposition "Räuberzivilstreife", eine Jagdszene, verweist auf den Kampf um ehrenwerte Tugenden wie Ordnung, Fleiß und Sauberkeit. Vor der Nachwuchsabteilung hängt das Schild "Wegen Restauration geschlossen".
Als verschollen gilt die umfangreiche Sammlung zum Thema "Ross und Reiter". Arbeiten von stiller Verhaltenheit. Schweigsame Bilder sozusagen, die bisher wohl selten einer zu Gesicht bekam. Sie sind gewiss die mit am besten behüteten Schätze in der Sammlung so manch eines Mitglieds im Künstlerverein Malkasten.
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