„Heinz Schönfeld
1920 – 1980. Erinnerungen“
Aus dem gleichnamigen Katalog, September 1984
„Seine Disziplin hat seinem Talent die große Kraft gegeben.Und das hat gestrahlt auf alle, die damit in Berührung kamen."
Professor Heinz von Foerster
Illinois, USA
9. Juli 1980

Wie frisch und nahe ist die Erinnerung an die Tage im Nachrodter Atelier. Die genießerische Geschäftigkeit vor all den entstehenden Bildern. Der Geruch frischer Ölfarbe, der Klang klassischer Chöre, die Gedanken, die Gespräche, das Lachen: Der treffende Ringelnatz. Die Entstehung einer Zeichnung, eines Aquarells, einer Idee. All die Pläne. All die Zuversicht.
Sich mit Worten der Person und dem Schaffen des Malers und Grafikers Heinz Schönfeld zu widmen, bedeutet für den nahen Freund, mit scheinbaren Übertreibungen zu untertreiben. Demjenigen, der die Kraft und Ausstrahlung seiner Persönlichkeit kennenlernen konnte - und das hieß immer zugleich: daran teilhaben durfte - stellt sich die Erinnerung an diese glücklichen Tage gewiss so unmittelbar, so persönlich, so liebevoll dar, dass Formulierungen sich diesen Empfindungen gegenüber unzureichend ausnehmen müssen.
Gerade darin zeigte sich die charismatische Erscheinung und Leidenschaft Heinz Schönfelds, die er im menschlichen Miteinander wie in seinem künstlerischen Werk ebenso freundlich wie eindringlich, ebenso natürlich wie überzeugend vermittelte: Die Hinwendung zu seinem Nächsten, die ihm noch vor der Hingabe zur Malerei stand. Dabei gereichten ihm diese Menschlichkeit und künstlerische Leidenschaft zur Einheit, die uns in seinen Bildern erhalten bleibt.
Niemand ist wirklich tot, solange er nicht vergessen ist. Die große Kraft dieses Mannes, die über seine Toleranz und Sensibilität zum Ausdruck kam, und seine Bescheidenheit, die in der Freude und Bereitschaft zu geben zum Ausdruck kam, kennzeichnen seine menschliche Größe, die unvergessen bleiben wird.
Die harmonische Einheit seines Denkens, Fühlens und Tuns erreicht uns wieder in seinen Bildern. Sie stellen sich zu der Erinnerung und beleben sie in der Dankbarkeit dafür, was er an Gedanken, Gefühlen und Einsichten verschenkt hat.
Einsichten und Vorstellungen zu einer Welt, der er nicht enthoben gegenüberstand. Sondern deren Zeichen und Symbole er aus seiner Lebenserfahrung und seiner feinfühligen Offenheit deutlich und feinsinnig zu deuten vermochte. Eine Welt, die er mit den ihm gegebenen Möglichkeiten mitgestaltete und dadurch bereicherte. Nur über Harmonie haben wir die Möglichkeit, uns und die Welt zu verbessern" , schrieb Heinz Schönfeld in seinen Notizen. Sein menschliches und künstlerisches Streben war gekennzeichnet vom Ausgleich der Gegensätze. Harmonie im menschlichen Gegenüber. Harmonie, die als ikonografische Klammer in seinen Bildern wiederkehrt. Hier erscheint sie als Symbol, als erfahrbare Botschaft, die man sich durch die Betrachtung seiner Bilder erschließen kann.
Die zahlreichen Notizen in seinem Nachlass, denen die nachfolgenden Zitate entnommen sind, deuten stetes Bemühen um Erkennen. Erkenntnis, die dann nachvollziehbar und lebendig und wichtig bleibt, wenn sie sich solcherart im Handeln eines Menschen wiederfindet, mit dem Heinz Schönfeld seiner Umwelt begegnete.
„Beschädigt ist alles - doch es lebt noch"
Der kritischen Distanz zu den Irritationen der inneren und den Pervertierungen der äußeren Weltschau wusste Heinz Schönfeld seine bejahende Kraft zur Veränderung entgegenzusetzen. Mit ihr vermochte er auch in anderen Mut und Zuversicht zu wecken, Problemen und Konflikten zu begegnen, sie nicht zu verdrängen, zu verleugnen oder daran zu scheitern. Es ist dies eine wiederkehrende Herausforderung im Leben - wie in der Arbeit eines Malers.
Freude und Besinnung stellt er mit seinen Arbeiten den Hoffnungslosigkeiten entgegen. Die Brillanz der Farben, ihre Leuchtkraft und ihr Klang, die Bestimmtheit und das organische Pulsieren der Formen in seinen Bildern strahlen diese Kraft ebenso aus. "Die Farben reißen Formen an sich, die Zeichen verlangen Farben - indem ich mich mitreißen lasse, gewinne ich meine Bilder. " (Emil Schumacher) Diese Synopse umschreibt die Prozesse, die dem künstlerischen Tun Schönfelds zugrunde liegen: Die Herausforderung der bildnerischen Notwendigkeiten. Und die Konsequenz dieser lohnenden Hingabe, aus der die Kraft entstehen kann, die den Schaffenden erfüllt.
„Gesetze schaffen kein Leben"
Heinz Schönfeld war ein Gegner dogmatischen Denkens. Gleichsam wie Disziplin und Konsequenz sein Denken und Handeln bestimmten, erkannte und begegnete er der Gefahr des Erstarrens in der Künstlichkeit mancher menschlichen Verhaltens- und Organisationsformen. Künstlichkeit, die in nur scheinbarer Perfektion an dem vorbeigeht, was die Natur und somit auch den Menschen in seiner Gesamtheit erst ausmachen. Es sind dies auch die Unbekanntheiten in der Natur, die sich die Magie erhalten haben, die allem Unerklärlichen zu eigen ist. Dem Menschen ist die Unzulänglichkeit hinzuzufügen, die oft als Borniertheit nichts als das Leugnen und Enthobensein seiner eigenen Natur bedeutet.
Diese Erkenntnisfelder umschreiben den Raum der unendlichen Phantasien, Erkenntnis, die es ermöglicht, im künstlerischen Tun oder im Betrachten des Bildes den Magien nachzuspüren, wie sie bei den Arbeiten Heinz Schönfelds immer wieder neu zu entdecken sind.
„Valery sagt: 'Was nicht zu Papier gebracht ist, ist nichts. Aber was zu Papier gebracht ist, ist tot.‘ - Dazwischen, zwischen 'nichts' und 'tot' spannt sich das kurze Leben des Malens als ein im Grunde unendliches Tun. Das Siegel des Todes ist Perfektion im erstarrten Bild." (Albert Schulze Vellinghausen) Solcherart Perfektionismus schafft kein Leben - Zeichenhaftes wird der Magie des Unerklärlichen beraubt. Es entstehen Zerrbilder, Irrbilder, Feindbilder.
Die handwerkliche Perfektion und Meisterschaft Schönfelds ist Bedingung, die Unendlichkeit des Tuns zu erfahren, Vehikel, diese Vorgänge sichtbar werden zu lassen. Ständig neu formulieren sich dabei die Grade der Herausforderung, entlehnen sich dem anarchischen Fluss der Phantasie, ordnen sich zu neuen Klängen.
„Zwischen Intellekt und Kunst steht die Liebe"
Das Feuer, die Hingabe, die Leidenschaft für Malerei waren es, die van Gogh zu einem großen Vorbild für Heinz Schönfeld werden ließen. Schönfeld wollte dabei keine Festlegung in der Kunst und keine Einengung. Er wollte kein Eingeständnis der eigenen Grenzen. Er wollte nur malen und gab sich mit allem und mit nichts zufrieden. Im Umgang mit anderen Temperamenten und Meinungen kennzeichnete Offenheit und Toleranz sein Wesen. Sich selbst gegenüber war er streng, anderen gegenüber nachsichtig. Weil er sich die Offenheit in seiner Kunst vorbehalten, in seinen Bildern an kein Ende gelangen wollte, wich er einem bestimmten Stil aus, um sich für unendliche Wiedergeburten bereitzuhalten.
„Jeder möchte die Kunst verstehen. Warum versucht man nicht, die Lieder eines Vogels zu verstehen?" fragt Picasso. Sich allein mit dem Verstand, dem Intellekt der Kunst zu nähern, als Betrachter wie als Maler, ließe die fruchtbarsten Felder dessen brachliegen, was ihr an Unsagbarkeiten und Schönheiten innewohnt. Über die Hingabe, dem Sich-loslösen von Erfahrenem, von bestehenden Entwürfen, Vor-Urteilen, Erwartungen, nähert es sich. Heraustreten aus den scheinbaren Sicherheiten und Orientierungen, an denen sich Gewohnheiten bequemen.
Zwischen Intellekt und Kunst steht die Liebe. „... Und die Wissenschaft, die es so wenig weit gebracht hat und ganz genau weiß, wie es die Natur macht, soll mit dem bisschen Kunst nicht fertig werden? ... Die Kunstgelehrten haben Bilder experimentell zerschnitten und erfahrungsgemäß festgestellt, dass in ihnen nur Leinenfäden enthalten sind." (Herwarth Walden)
„Die Malerei hat mich immer getröstet, wobei mir das Leben eine Freude ist. Erfolg würde meine innere Ruhe stören."
Dem „Lehrmeister" Natur hat sich Heinz Schönfeld stets zugewandt. Neben seinen abstrahierten Bildformen tauchen immer wieder Naturstudien auf, nachdem ihn die gegenständliche Malerei, orientiert an Lovis Corinth, in den Anfängen bestimmt hatte. Die Hingabe und Auseinandersetzung mit den Geheimnissen und Schönheiten der Natur gaben ihm Intuition und Anregung für seine Kunst.
Der Garten: Farb- und Formenreichtum bilden ein unerschöpfliches Repertoire. Die Berge: Erhebungen, Gipfel, Täler, Abgründe tauchen als Symbolformen in seinen Bildern auf.
„Die Natur ist den braven Leuten der Wunder bar", schreibt Walden. Sie untersteht mehr und mehr den „Sachzwängen" der Ökonomie und Wissenschaft. „Atome. Elemente. Alles höchst einfache Sachen. Die Natur kennt man. Alles ist höchst natürlich. Findet man das nicht natürlich, so liegt eben ein Dämmerzustand vor. Wieder eine höchst natürliche Erklärung." Für Heinz Schönfeld stellte Natur den Kosmos dar, der ihn seine Bildsprache lehrte, in der er Trost fand.
Für Heinz Schönfeld „verändert Malerei nichts, sie hilft aber, das Leben zu bewältigen." Den Trost, die Kraft zu finden. Dazu gereichte ihm nicht der Erfolg des Augenblicks. „Hüte Dich vor dem Erfolg der Masse", zitierte er aus Senecas „Moralischen Briefen an Lucilius"
Heinz Schönfeld sagte von sich: „Ich bin ein Arbeiter." Er konnte die Etikettierung „Künstler" nicht ertragen. Der Erfolg seiner Arbeit, den er zum Teil nicht mehr miterlebte, beruhte auf seinem eisernen Fleiß. Fleiß ist die Zwangslage des Genies.
Wie nahe belebt sich die Erinnerung in leicht sächsischem Akzent. An die Gespräche, die Abende, den Eiscafé im Garten, die hilfreiche Hand. Bilder, Bücher, Besuche, Begegnungen. Wie nahe belebt sich die Erinnerung an den Humor, mit dem er schlicht und überzeugend auf die Erfolg bringende „Zwangslage" reagierte:
„Kunst kommt nicht von können, sondern von müssen."
Wie sehr klingen diese Worte noch im Ohr, wie die zahlreichen Geschichten und Erzählungen von kleinen liebenswerten Missgeschicken. Sein Humor, sein Witz, der es zum Vergnügen werden ließ, den Schilderungen zu folgen. Und deren Pointen hin und wieder satirische Enthüllungen menschlicher Unzulänglichkeiten bescherten. Doch nie verletzend. Gemäß der Notiz, die all diese Erinnerungen in ihrer Qualität bestimmen: „Nichts verdient so viel Liebe wie all das, was das Wort Anständigkeit in sich birgt."
Jörg Miszewski
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