Rede auf den Maler Jörg Miszewski
5. Preisträger des Kunstpreises der Dr.-Marlene-Trentwedel-Stiftung Bremervörde
von Dr. Gerd Mettjes, Direktor des Schwedenspeichermuseums Stade
Freitag, den 7. April 2006
Verehrter Herr Minister, meine Damen und Herren,
die Findung des Preisträgers 2006 war für meine Jurykollegen Luise del Testa aus Zeven, Dr. Hans Eckhard Dannenberg aus Stade und für mich eine Herausforderung, denn über 150 Bewerbungen aus dem Elbe- Weser-Raum sprachen für das Interesse der Künstler und Künstlerinnen an diesem besonderen, gut dotierten Kunstpreis.
Nach sieben Stunden kurzer oder längerer Diskussion standen zwei in der Endausscheidung, ein Maler aus Kutenholz, Landkreis Stade und eine Malerin aus Buxtehude, Landkreis Stade.
In Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Kuratoriums der Trentwedel - Stiftung wurde eine letzte Wahl getroffen, die auf die Gemälde des Malers Jörg Miszewski aus Kutenholz, Landkreis Stade fiel. The winner takes it all!
Warum ?
Die Kraft, die in seinen Bildern steckt, hat uns überzeugt!
Wie bei anderen großen Malern, z. B. Gerhard Richter oder Anselm Kiefer. Richter arbeitet in seinen Werken, z. B. übermalten Fotos, ebenso aufwändig und variantenreich, sodass sich die unterschiedlichen Realitätsebenen, die illusionistische Landschaftsdarstellung und die Materialität der Farbe unauflösbar zu durchdringen scheinen. Richter stellt sogar den Begriff des Realismus in Frage, er macht in seinen Augen keinen Sinn.
In der philosophischen Erkenntnistheorie wurde darüber schon fundamentaler nachgedacht. Immanuel Kant hat in seiner Kritik der reinen Vernunft die Dinge auf den Punkt gebracht. Er sagt: „Freilich ist der Raum selbst, mit allen seinen Erscheinungen, als Vorstellungen, nur in mir; aber in diesem Raume ist doch gleichwohl das REALE, oder der Stoff aller Gegenstände äußerer Anschauung wirklich und unabhängig von aller Erdichtung gegeben.“
Und der Philosoph Martin Heidegger spricht in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ von dem Erkennen als fundiertem Modus des Zugangs zum Realen. Soll meinen, wir erkennen durch Erfahrung das Bild als Rahmen und Abbild, sehen darin aber nicht die Realität, sondern nur unsere eigene Anschauung.
In keinem der Werke von Jörg Miszewski kann also Realität (trotz der Titel!) sein, sondern es ist nur eine gemischte Farbensprache wahrzunehmen. Insofern sind seine Werke Botschaften des Transfers in Farbe und Form, mit Gefühl und Können umgesetzt und schaffen damit eine neue Wirklichkeit ohne reellen Bezug.
Seine Hauptfarbe ist meistens erdig braun, dazu etwas schwarz oder ocker; hat vielleicht Bezug zur Erde der Toskana, der Provence, Afrikas und meinetwegen auch zum hier gelegenen Glinder Moor, also Spurensicherungen landschaftlicher Erfahrungen, abstrakt und figurenreich umgesetzt.
Kaum ist ein Vorder- oder Hintergrund zu erkennen, ein ständiger Rollentausch kommt zustande, die Perspektive verschiebt sich und gibt einen überraschend neuen Blick frei. Meist setzt der Künstler die Farben großflächig und mit kräftigen Pinsel- oder Schwammstrichen auf die Leinwand oder das Papier, wobei schwarze Linien dem Bild die Konturen geben oder geheimnisvolle Verbindungen schaffen.
Im Entstehungsprozess werden die Vorzeichnungen mit verschiedenen Schichten untermalt, wieder zum Vorschein geholt, freigekratzt, herausgewischt, Schüttungen von Farben und Streuungen von Farbpigmenten auf die flach auf dem Tisch liegenden Leinwände oder Papiere erfolgen und werden mit Schwamm oder Pinsel weiterbearbeitet.
Jörg Miszewski sieht seine Motive in den Landschaften, die Veränderungen und Verrottungen, verbrannte Lackspuren, überwuchertes Mauerwerk als Zeichen des Verfalls. Er selbst sieht Poesien in den Verfallsspuren, ist gefangen von der Faszination von Werden und Vergehen.
Der Maler verändert die Raumbezüge.
Rost auf verwahrlosten Industrieanlagen bildet eine Landschaft, ein Kaffeefleck oder Moose auf altem Gemäuer. Seine Farben auf dem Malgrund lassen daraus eine Farblandschaft entstehen.
Schauen wir einige Werke an: ...
„Die Zeichen der Jäger“, Mischtechnik auf Leinwand Die vielen verworrenen Linien in diesem braun –blau -weißem Bild sind kraftvoll ineinander verstrickt und nichts ist klar erkennbar. Aber Miszewski nennt dieses Gemälde „Zeichen der Jäger“. Wahrscheinlich denkt er dabei an die prägnanten Tierzeichnungen der Höhlenmalerei aus Urzeiten, um Jagdergebnisse festzuhalten. Doch davon ist eigentlich nichts zu sehen. Ein paar vogelähnliche Striche sind deutbar, ansonsten nur Chiffren der erdigen Farben. Es könnte also auch „Chiffren der Erde“ heißen, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, weil Jörg Miszewski seine aufregenden Farben mischt und streut und zum Schluss seinen Titel oder O.T. vergibt.
Gleiches gilt für seinen Titelvorschlag „Trommler“:
In dem Bild ist eine rostbraune figurative Struktur zu entdecken, davor eine weißliche Fläche und links grau- braune Flächen. Daraus nun Trommelfell, eine Trommel und eine Trommlerfigur zu deuten, ist schon sehr gewagt. Es könnte auch heißen: „Hund beißt Katze“, so vieldeutig sind diese Arbeiten. Und es macht Spaß, darin zu suchen und eigene Bildtitel zu formulieren.
Die Bildwerke „Aus den Briefen I. und II“ sind Erinnerungsfarben der Schriftzeichen aus Nairobi vielleicht, sind Merkmale der Beschreibungen festgehalten. In dunklen und skripturalen Linien wird das Schreiben angedeutet. Grau- und Ockertöne vereinigen sich mit Schwarz und nur ganz sparsam sind blaue Akzente gesetzt. Also kein Briefauszug, sondern Erinnerungen an Farben, an Düfte, an Licht. Geschickt und vieldeutig umschrieben. Lassen sie sich nicht verwirren, weitere Bildtitel wie „Landschaft“, „Bildnis Dorian G.“, „Im Sprung“ oder sein „Vogelkopf“ sind seine Einfälle für abstrakte Farbgebungsfelder. Und in den raffinierten „“Bildstapeln“ entstehen Abgrenzungen und Überdeckungen durch die verschiedenen Papierformate, die darunter befindliche Bilddetails verbergen
Die Rätsel in seinen Bildern, das Enigma, bleibt. Es ist an uns, eine Aufschlüsselung zu versuchen.
Der Maler und Zeichner Jörg Miszewski kommt vom journalistischen Metier und vom Kommunikationsdesign her, er hat also etwas mitzuteilen und kann gestalten – designen – , seit 1989 ist er freier Künstler, im Ruhrgebiet gestartet, hat viele Reisen in Europa, Südamerika und Afrika unternommen, drei Jahre von 1993 – 96 in Nairobi, Kenia gelebt und gearbeitet und ist nun über die Station Hamburg in den Landkreis Stade nach Kutenholz gezogen, kein Neuland für ihn, gab es doch schon lange immer wieder familiäre Verbindungen hier zum Raum Bremervörde.
Liest man die Stichwörter seiner vielseitigen künstlerischen Tätigkeiten im Internet: Malerei, Druckgraphik, Radierungen, Arbeiten auf Papier, Druckwerkstatt, und Künstlerbücher, so ahnt man den immensen Fleiß und seine kreative Produktivität. Seine seelische Stimmung erzeugt die Farben der Bilder und sofern ist Jörg Miszewski auch ein Maler seiner Seele.
Schlusswort: Ich möchte und kann hier nicht alle Bilder besprechen. Ich denke, sie sind so lebendig, dass sie selbst zur Betrachtung und Auseinandersetzung herausfordern, wie ich an einigen Beispielen zeigen wollte.
Und: Jörg Miszewski will nicht provozieren, sondern uns aktivieren und nachdenklich machen. Wir sollten uns also auf seine Bildersprache einlassen und sehen, was das eine oder andere Bild mit uns macht oder was es uns sagt.
Die Entdeckungsreise lohnt sich!
Gratulation dem Künstler meinerseits und danke für Ihre Aufmerksamkeit!
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